Garnisonkirche vs. Frauenkirche

von Henri Herborn

Frauenkirche vs. Garnisonkirche (pdf)

Zwei Kirchen, zwei Stadtgeschichten

Die Frauenkirche zu Dresden ist ein zeitgenössisches Werk der Willensbildung der Bevölkerung Dresdens und der Versöhnung ehemaliger Gegner. Die Garnisonkirche ist ein Werk der Vergangenheit, in ihrer Erschaffung ebenso wie in ihrer Zerstörung. Sie hat keinen Platz in unserer Stadt. Potsdam und die Garnisonkirche trennt die Zeit. Seit der Wiedererrichtung der Frauenkirche ruft allerorten irgendjemand nach dem Auf bau, Nachbau, Neubau einer kriegszerstörten Kirche. Jede Nachahmung eines Auf- oder Nachbaus schadet der Singularität des Ereignisses „Wiederaufbau Frauenkirche“. Die Aura dieser Kirche geht über ihre Gewölbe hinaus. Die Frauenkirche ist auf das Engste verwoben mit der Bevölkerung Dresdens, sie stellte sich seit der Zerstörung gegen jede Abrissbemühung. Der hohle, ruinöse Zahn auf einer Trümmerhalde wurde über ein halbes Jahrhundert hinweg von Dresdnern nicht geduldet, sondern geschützt. Er wurde im Gegensatz zu Garnisonkirche weder abgetragen, noch überbaut. Zugriffsversuche einiger Bezirksregierungen für einen Stadtneubau wie im nahen Umfeld der Frauenkirche wurden verhindert. Kurz: Die Frauenkirche war in ihrer Kaputtheit ein kräftiger, lebender Erinnerungsort, von der Mehrheit der Bevölkerung getragen. Die Erzählkraft dieses Ortes übertrug sich von der Generation des Krieges auf die Generationen des Friedens. Der Wiederaufbau der Frauenkirche zog seine Kraft aus dieser breiten Verwurzelung des Baus in der gegenwärtigen Bevölkerung und Stadt. Die Frauenkirche hatte den Transport über die Zeit zwischen Zerstörung und Wiederaufbau überlebt.

Der Versuch der Übertragung des Frauenkirchenglückes auf jedwede andere kriegszerstörte Kirche trägt etwas Anmaßendes in sich. Es ist die Behauptung, dass auch die Garnisonkirche dem heutigen Potsdam fehle, dass eine ganze Stadt für diesen Bau stünde. Doch stimmt genau das nicht. Der Garnisonkirche fehlt jede Form von Legitimation. Der politische Akt ihres Verschwindens hinterließ keine Widerstandspur in der Stadtgeschichte. Im Gegensatz zur Frauenkirche wurde sie nie emotionaler Erinnerungsbestandteil der nachfolgenden Generationen. Keine Ruine, kein Stein der Garnisonkirche trug seit ihrer Zerstörung Mahnung und Erinnerung mit sich. Die Kirche fand ein absolutes, mentales wie baukörperliches Ende in der Geschichte. Die Stadt Potsdam und ihre Generationen ließen den Bau zurück und wuchsen über ihn hinweg.

Den Raum füllen

Wir reden nicht von einem leeren Raum, der gefüllt werden müsste. Wir reden von einer lebenden Stadt, die umgebaut wird. Von wem und mit welchem Ziel, wird aktuell von Wenigen für Viele entschieden. Der Standort in der Breiten Straße wurde durch egoistische Baummaßnahmen der Befürworter thematisiert und aufgeladen. Schließlich steht dort seit Jahren einfach ein Portal auf dem Fußweg, das wohl einen ähnlichen Fuß in der Tür der Bauverwaltung darstellen sollte, wie der Neuaufguss des Fortunaportals des Landtagbaus. Erst dadurch erhielt der Standort eine Aussagekraft für die Denk- und Lebensrichtung unserer Stadt. Vor- oder rückwärtsgewandt? Historisch verklärend oder sensibel und produktiv für die Stadtgemeinschaft? Gerade wegen der besonderen Symbolik des Standortes sollte hier mit militärisch preußischen Traditionen gebrochen und eine verantwortungsbewusste neue Identität gestiftet werden. Wir als Bürgerinitiative werden nicht den Fehler machen und ebenfalls eigenmächtig einen Vorschlag für den Standort machen. Unser Ziel ist jedoch klar ein Potsdam Ohne Garnisonkirche. Es sollte erst nach Sinn, Bedarf und Nutzen gefragt werden. Woran mangelt es Potsdam? Fragen Sie etwa einmal Potsdams Künstler, was diese zu einem multifunktionalen Kunst- und Aktionsgebäude sagen würden. Die Bürgerinitiative sucht die Diskussion und stellt die Fragen – ganz Potsdam hat zu entscheiden.

Die Argumente der Befürworter

Drei Hauptargumente werden unablässig wiederholt.

Erstens: Die Kirche wäre emotionales Herz und optische Vollendung Potsdams. Wir sagen: Da fühlen die Befürworter des Aufbaus wohl den Puls der Zeit in Potsdam falsch! Das mag daran liegen, dass unter ihnen kaum Potsdamer sind. Ihr Gründungskern ist ein merkwürdiger Verein aus dem westfälischen Iserlohn. Ein geschichtsvergessener Nachbau mit solch trüber Geschichte ist nicht Symbol unserer Stadt und der Stadtrückbau auf frühneuzeitliche Schönheitsideale hat hier sein Ende erreicht. Wir leben im Jetzt und Hier. Das heutige Potsdam beherbergt zum Glück weder Garnisonen, denen die Kirche diente, noch preußischen Hof, dem sie huldigte. Selbst die Kreuz- Gemeinde lehnt den Neubau ab.

Zweitens: Die Ereignisse um Zerstörung und Abtragung der Garnisonkirche werden von den Befürwortern nach Belieben in ihrer Gewichtung verzerrt. Die Kirche wurde nicht, wie etwa in der tendenziösen Onlineumfrage der MAZ beschrieben, 1945 beschädigt, sie erlitt keinen schlichten Blitzschlag. Sie wurde schwer zerstört im Lauf eines Krieges, für den sie selber Symbolort war. Die zweifellos ideologisch motivierte Entfernung der Ruine war der zweite Schritt, der diesen Bau aus Potsdam entfernte.

Drittens: Der Neubau der Garnisonkirche wird mit einem Versöhnungszentrum ummantelt. Da können wir nur sagen: Wir sind für die Versöhnung. Lasst uns ein Versöhnungs- und Friedenszentrum bauen, das die alte militaristische Identität unsere Stadt überdenkt und mit der Geschichte des Standortes arbeitet. Nur: Dafür benötigt niemand ausgerechnet die Hülle einer Kirche, die das Militärische schon im Namen trägt. Wir werfen den Befürwortern des Neubaus die fixierte Bindung eines Versöhnungszentrums an die belastete Hülle der Garnisonkirche als ein unehrliches Vorgehen vor.

Was bindet das eine an das andere?

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