Kirchlicher Glanz für militärisches Gloria

ZEITGEIST In der ehemaligen Garnisonkirche in Potsdam ließen sich preußische Militärs und Nazis die Kriege segnen. Einflussreiche Politiker, Unternehmer und Kirchenmänner wollen die Kirche wieder neu aufbauen

VON ANSELM WEIDNER
Sonntaz, 13./14. Oktober 2012

Kirchlicher Glanz für militärisches Gloria, taz, 13.10.2012

Kaum eine Kirche in Deutschland ist historisch und ideologisch so aufgeladen wie die ehemalige Garnisonkirche in Potsdam. Das Bild von Hitlers servilem Handschlag mit dem Reichspräsidenten Hindenburg auf den Kirchenstufen bildet dabei den Höhepunkt. Es war eine perfekte Inszenierung der Nazis. Die Kirche gibt es nicht mehr. Jetzt aber soll sie wieder aufgebaut werden.

Unstrittig ist: Die Garnisonkirche war ein Meisterwerk des norddeutschen Barock und mit ihrem fast 90 Meter hohen, grazilen Turm Teil des stadtbildprägenden Potsdamer Dreikirchenblicks. Der Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. und Friedrich II. wurden hier zu Grabe gelegt. Festgottesdienste zu Thronjubiläen wurden in der Kirche abgehalten – geschmückt war sie mit geweihten Kriegstrophäen, Fahnen und Feldzeichen aus preußischen Kriegen. Sie war „eine Art Walhalla des preußisch-deutschen Aufstiegs zur europäischen Großmacht“, so der Historiker Martin Sabrow. Hier wurden Truppen in den Ersten Weltkrieg 1914 verabschiedet und gesegnet. Im Potsdamer Volksmund war sie: „die Geisterhöhle“.

Kein Einwand

Für die Nazis war die Kirche perfekte Kulisse. Am 21. März 1933 wurde Hitler dort in einer feierlichen Zeremonie als Reichskanzler inthronisiert. So wurde sie „das Symbol für die Vermählung der konservativen, der deutsch-nationalen Eliten mit der braunen Revolution der Nationalsozialisten – eins der eindrucksvollsten Ereignisse der Geschichte des 20. Jahrhunderts überhaupt“, sagt Sabrow, der Historiker. Der Handschlag ist als Beginn des „Dritten Reichs“ ins kollektive Bildgedächtnis eingegangen – weltweit. Auch in den folgenden Jahren des „Tausendjährigen Reichs“ fungierte die Garnisonkirche als NS-Weihestätte. Etwa zelebrierten hier Reichsbischof Müller und Reichsjugendführer Baldur von Schirach eine Großkundgebung der Hitler-Jugend samt Fahnenweihe.

Nach dem britischen Bomberangriff im April 1945, der große Teile von Potsdam zerstörte, brannte die Kirche aus. Im Juni 1968 wurde die Kirchenruine auf Geheiß des Chefs der DDR-Regierung Walter Ulbricht gesprengt. Anfang der siebziger Jahre wurde auf dem Grundstück ein Rechenzentrum mit dem Mosaikfries „Der Mensch bezwingt den Kosmos“ errichtet. Danach geriet die ehemalige Kirche in Vergessenheit.

Seit der Wiedervereinigung allerdings geistert sie wieder durch die Köpfe. Ginge es nach der kirchlichen Stiftung Garnisonkirche und der Fördergesellschaft für den Wiederaufbau soll der Kirchturm zum 500. Jahrestag der Reformation, am 31. Oktober 2017 eingeweiht und anschließend das Kirchenschiff – von außen originalgetreu nach barockem Vorbild – nachgebaut werden. Geschätzte Kosten: 100 Millionen Euro.

„Von diesem Ort soll ein Geist des Friedens und der Versöhnung ausgehen. Und das ist ernst gemeint, weil wir uns den Brüchen der Geschichte stellen wollen, die sich mit diesem Ort verbinden“, sagt Wolfgang Huber, der ehemalige Bischof und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland. Es könne in seinen Augen nicht sein, „dass man die Kirche stellvertretend in Haftung nimmt für das, was mit dem Handschlag zwischen Hindenburg und Hitler versucht wurde.“ Huber setzt sich für den Wiederaufbau ein und ist Vorsitzender des Stiftungskuratoriums.

Gegen den Wiederaufbau hat sich die Bürgerinitiative „Für ein Potsdam ohne Garnisonkirche“ gegründet, die das ganz anders sieht: „Wer die Garnisonkirche wieder aufbauen will, deutet Geschichte um. Wer die Garnisonkirche wieder aufbauen will und sich damit Versöhnung auf die Fahne schreibt, erklärt die dunkle Nacht zum Zeichen des lichten Tages und versöhnt sich doch nur mit der reaktionären Geschichte Preußens.“

Friedrich Schorlemmer unterstützte die Wiederaufbaugegner kürzlich mit Sätzen wie: „Das von brauner Asche besudelte Gebäude kann durch den Neubau nicht reingewaschen werden. Ganz abgesehen davon, dass angesichts leerer Kirchen eine weitere überflüssig ist.“

Im Kuratorium der Garnisonkirchenstiftung sitzen einflussreiche Männer aus Kirche, Politik, Wissenschaft, Militär und Wirtschaft: der Militärbischof der evangelischen Kirche, der Chef des Militärgeschichtlichen Forschungsamts Potsdam, Brandenburgs Ministerpräsident, ein Mitglied des Aufsichtsrates der Siemens AG, ein ehemaliger Daimler-Benz-Topmanager. Ehrenkurator ist Richard von Weizsäcker. Ein Fünftel der knapp tausend Fördergesellschaftsmitglieder sind Militärs.

Die Gegner und Gegnerinnen dagegen sind ein heterogenes Häuflein von Antifaschisten aller Couleur, Mitgliedern der bunten Stadtparlamentsfraktion „Die Andere“, FriedensaktivistInnen, ehemaligen NVA-Offizieren und Wiederaufbaugegnern jenseits ideologischer Frontlinien. Ihre Zweifel an dem Projekt sitzen tief.

Keine Antwort

Sie fragen: Warum ist die Militärseelsorge mit 250.000 Euro der größte Stifter? Warum spricht Huber davon, dass in der zukünftigen Garnisonkirche „der bei Auslandseinsätzen gefallenen Bundeswehrsoldaten in besonderer Weise gedacht werden soll“? Warum ist in der neuen Entwurfsplanung das Nagelkreuz von Coventry als Versöhnungszeichen von der alten Wetterfahne mit preußischem Adler und anderen Herrscherinsignien verdrängt? Warum ist das „Internationale Versöhnungszentrum“ aus dem Nutzungskonzept gestrichen und warum liegt zwar der detaillierte architektonische Entwurf vor, aber kein ausgearbeitetes inhaltliche Konzept zur geplanten Versöhnungsarbeit? Und insbesondere: Warum distanziert sich die Stiftung nicht eindeutig von Oberstleutnant a. D. Max Klaar, mit dem die Wiederaufbauinitiative begann?

Klaar, der für das christliche Preußen Begeisterte, hatte mit seinem Fallschirmjägerbataillon 271 in Iserlohn Geld gesammelt, um das Glockenspiel der Garnisonkirche nachbauen zu lassen, und er hat es 1991 der Stadt Potsdam in einer Art Feldgottesdienst überreicht. Zudem hat er innerhalb von zwanzig Jahren über sechs Millionen Euro für die Garnisonkirche gesammelt – aber bitte „nicht für eine, in der Schwule getraut oder Kriegsdienstverweigerer beraten werden“. Er rückt die gesammelten Millionen bis heute nicht raus. Im Jahr 2004 wurde Klaar mit seinem Verband deutscher Soldaten und der Zeitschrift „Soldat im Volk“ vom Bundesverteidigungsminister als rechtsextrem eingestuft, offizieller Kontakt mit seinem Verband wurde untersagt.

Eine weitere Frage haben die Gegner auch an Altbischof Huber: Warum wird dieser Militärtempel der Hohenzollern von ihm zum Widerstandsort des 20. Juli 1944 umdefiniert, nur weil einige Offiziere des „nationalkonservativen militärischen Widerstands in letzter Minute“ dort gebetet hätten? Dies sei „ein liebenswürdiger, aber doch untauglicher Versuch zur geschichtspolitischen Reinigung durch Gegengift“, meinte der Historiker Sabrow.

Auf all diese Fragen haben die Gegner des Wiederaufbaus keine substanziellen Antworten erhalten. Und auch die Evangelische Kirche in Deutschland äußert sich nicht zu ihrem größten und brisantesten Kirchenbauprojekt. Der öffentliche Diskurs wird gescheut.

Unklar ist auch, woher die veranschlagten 100 Millionen Euro für den Wiederaufbau kommen sollen. „Das ist eine Bürgerkirche, die nur aus Spenden finanziert wird“, war lange die offizielle Sprachregelung der Stiftung und der Fördergesellschaft. Dem widerspricht, was der Stiftungsverwaltungsvorstand im Frühjahr dieses Jahres verlauten ließ: „Die Garnisonkirche soll nach dem sogenannten Dresdener Modell finanziert werden, das beim großen Rekonstruktionsvorbild Frauenkirche zum Zuge kam: ein Drittel kleine Spenden, ein Drittel Mäzene, ein Drittel öffentliche Gelder.“ Also sollen in den Kirchenbau doch Steuergelder fließen.

„Hier wird getrickst, getäuscht und gelogen, dass sich die Balken biegen. So darf man doch in der evangelischen Kirche nicht mit Menschen umgehen“, empörte sich neulich ein engagiertes, aktives Kirchenmitglied, das anonym bleiben will.

Keine Debatte

Die Entwurfsplanung ist fertig; der Bauantrag soll im Herbst gestellt werden. Bagger und Betonsägen haben die alten Fundamente auf dem Garnisonkirchengrundstück an der Breiten Straße freigelegt. Der Wiederaufbau könnte beginnen. Aber die Spenden fließen spärlich. Ganze fünf Millionen Euro konnte die Stiftung bisher verbuchen – davon zwei Millionen Euro aus öffentlichen Mitteln sowie eine Spende der Siemensstiftung in Höhe von einer Million. Die Stadt Potsdam und das Land Brandenburg haben beschlossen, keine weiteren öffentlichen Gelder für den Wiederaufbau beizusteuern. Der Baubeginn ist also ungewiss. Das aber ist eine Chance für die öffentliche Debatte über diesen für die nationale und europäische Geschichte so prominenten Ort. Sie sollte nicht nur in Potsdam geführt werden.

3 Gedanken zu “Kirchlicher Glanz für militärisches Gloria

  1. Sandro Szilleweit schreibt:

    Der Artikel Weidners ist wirklich eine sehr treffende Beschreibung der momentanen Situation und zeugt von viel Fachkenntnis. Schon sein Radio-Feature vom Anfang des Jahres hat mir sehr gut gefallen (http://www.dradio.de/dlf/sendungen/dasfeature/1682103/). Das die GK-Befürworter natürlich alles als „nichts Neues“ abtun, war zu erwarten. Inhaltlich gehen sie schon lange nicht mehr auf Fragen wie Einstieg der Militärseelsorge, Abschied vom Nutzungskonzept oder ganz aktuell der haushoch führende Bürgerhaushaltsvorschlag „Kein Geld für die GK“ ein. Es wird die Parole ausgegeben: die GK wird gebaut und basta! Dennoch scheint mir die Skeptiker dieses Projektes langsam die Oberhand in Land, Stadt und Kirche zu gewinnen. Die Erfolge der GK-Befürworter werden geringer, das Geld versiegt, es wird zusehends zu Strohalmen (Militärseelorge, dubiose Gerichtsvergleiche etc.) gegriffen. Starke Männer werden schwächer (Stolpe, Schönborn, Huber, Weizäcker…), neue nachwachsende Köpfe meiden das Thema tunlichst. Alles im allen, auch wenn das nach außenhin noch nicht so sichtbar ist, habe ich das Gefühl, dass die imaginäre GK-Uhr nicht mehr auf 5 vor 12 Uhr steht, sondern sich seit langer Zeit mal wieder rückwärts auf vielleicht 10 vor 12 Uhr bewegt. Der Richtungssinn stimmt – ein emutigendes Zeichen!

  2. karin Findeisen schreibt:

    Nur die ewig gestrigen und vorgestrigen wollen die Garnisonkirche. Wir brauchen sie nicht, um neue Kriege zu verherrlichen. Die Bürgerbefragung wegen der Schenkung des Grundstücks wurde ignoriert. Ein Wunder möchte geschehen, um die Schenkung rückgängig zu machen und das Grundstück für eine andere bessere Verwendung zu nutzen.

  3. H. Hintzenstern schreibt:

    Ich verstehe nicht wie so die evangelische Kirche noch mehr Kirchenaustritte provoziert. Welcher religiöse Mensch möchte denn, dass sich seine Kirche einer bestimmten unchristlichen Regierungspolitik andient, und sich instrumentalisieren lässt? Unverschämt finde ich auch die Verbandelung eines etwaigen Einweihungstermins mit dem Reformationsjubiläum. Hier gerät etwas zu einer Show, mit der ein Paradigmenwechsel manifestiert werden soll. Ein anachronistischer Vorgang, der dem Tag von Potsdam von 1933 nicht unähnlich sein wird. Einer eigentlich pazifistischen Gesellschaft wird der kritische Blick auf die Geschichte verstellt, – eine neue aggressive Militärpolitik soll bewußt durch Mythen aus einer „unverdächtigen“ Zeit weit in der Vordemokratie legitimiert werden. Das ist Geschichtspolitik!

    Auch der kulturelle und wissenschaftliche Schaden ist nicht zu unterschätzen. Den Menschen wird vorgegaukelt, Architekturkopien seien „Zeugnisse der Geschichte“. Sie sind es allenfalls für den aktuellen Zeitgeist, bzw. jenen, den man dazu hochschreibt.

    Mann nimmt auch bewußt in Kauf, dass Rechtsextremismus gestärkt wird.

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