Der fatale Potsdamer Dreibund

Der fatale Potsdamer Dreibund

Aktuell wird der Wiederaufbau der Potsdamer Garnisonkirche von denen gewünscht und gefordert, die der folgenden Darlegung garantiert nicht nahe stehen. Aber eine neue Garnisonkirche ist nicht ohne den „Tag von Potsdam“, an dem vor 80 Jahren zusammenfand, was längst zusammen gehörte, zu machen. Bei den Feierlichkeiten am 21. März 1933 anlässlich der Reichstagseröffnung demonstrierten drei Kräfte den symbolischen Schulterschluss, die zuvor aktiv an der Zerstörung der bürgerlich-parlamentarischen Demokratie der Weimarer Republik beteiligt gewesen waren, nämlich die alten kaisertreuen Eliten, die Evangelische Kirche und die nationalsozialistische Bewegung.

Dabei hielten noch 14 Jahre zuvor große Teile der Bevölkerung gerade den reaktionären Konservatismus für überwunden, als am 6. Februar 1919 anlässlich der Eröffnung der Nationalversammlung der Volksbeauftragte Friedrich Ebert dem im der Revolution untergegangenen Kaiserreich die Worte hinterher schleuderte:

„Die preußische Hegemonie, das hohenzollernsche Heer, die Politik der schimmernden Wehr sind bei uns für alle Zukunft unmöglich geworden. Wie der 9. November 1918 angeknüpft hat an den 18. März 1848, so müssen wir hier in Weimar die Wandlung vollziehen vom Imperialismus zum Idealismus, von der Weltmacht zur geistigen Größe. […] Jetzt muss der Geist von Weimar, der Geist der großen Philosophen und Dichter, wieder unser Leben erfüllen.“

Ebert stellte in seiner Rede den „Geist von Weimar“ dem zu überwindenden „Geist von Potsdam“ gegenüber. Schließlich ist Potsdam neben Weimar die einzige deutsche Stadt, die mit einer Idee verknüpft wurde und wird. Ebert hatte damals noch nicht geahnt, dass sich der reaktionäre Konservatismus im Faschismus wie neu geboren fühlen würde. In diesem Zusammenhang ist die Rede Hermann Görings am 21. März 1933 in Potsdam wie eine wütende Antwort auf Eberts Rede zu verstehen.

„Als man im Jahre 1919 glaubte, Deutschland auf der Basis der Demokratie, des Parlamentarismus und Geiste des Pazifismus neu ordnen zu müssen, glaubte man damals dies auch symbolisch tun zu müssen. Man hat in bewusster Abkehrung und bewusster Betonung damals das Wort Potsdam verfemt und hat geglaubt, aus dem Geist von Potsdam herausgehen zu müssen nach Weimar, und hat dann auch nicht verstanden, dort den wahren Geist von Weimar zu übernehmen, sondern hat diesen Geist von Weimar neu bestimmt im Zeichen dieser anonymen Majorität der Demokratie und des Parlamentarismus.“

Warum sind diejenigen, die aktuell in Potsdam dem „Geist des Ortes“ nacheifern so bewusst blind für diese Problemlage?

Wie der „Geist von Weimar“ wurde und wird auch der „Geist von Potsdam“ unterschiedlich interpretiert und je nach Gelegenheit instrumentalisiert. Dabei existieren grundsätzlich zwei Facetten. Die eine ist das Potsdam der toleranten und aufgeklärten Monarchen und die andere das Potsdam der Kasernen, des Drills und der Kriege. Als Klammer für beide fungierte der Protestantismus, der in der mächtigen Evangelischen Kirche seinen exekutiven Arm hatte.

Diskutiert man heute den Wiederaufbau der Potsdamer Garnisonkirche, dann wird mit den Aspekten des „Geistes von Potsdam“ entweder für oder gegen den Wiederaufbau argumentiert. Drei Punkte werden in der Diskussion allerdings zu wenig berücksichtigt.

1. Die zwei Seiten des „Geistes von Potsdam“ besitzen wie die Interpretation der „Idee Preußen“ auch eine zeitliche Dimension. Als Hindenburg und Hitler in der Garnisonkirche den symbolischen Schulterschluss zelebrierten, war Preußen längst nicht mehr vom Geist der Toleranz und Aufklärung durchzogen. Stattdessen war „das friederizianische Potsdam“ damals „der Mutterboden des neuen Militarismus“, wie der Historiker Luciano Canfora feststellt. Mit dem im Kaiserreich aufgegangenen, oder anders ausgedrückt zum Kaiserreich gewordenen Preußen blieb Potsdam nur der Geist des Drills, der Kasernenzucht und der Disziplin, wodurch laut Karl Liebknecht „das stärkste Rückgrat in Gefahr [war], kurz und klein zu brechen […].“

2. Die Rolle der Evangelischen Kirche bei der Zerstörung der Demokratie wird in der Nachkriegsgeschichtsschreibung weitgehend verschwiegen oder sogar „umgelogen“ wie Hartwig Hohnsbein kürzlich in der Zeitschrift „Ossietzky“ konstatierte und muss daher bei der Diskussion um den Wiederaufbau mitgedacht werden. Schließlich war es der bekennende Antisemit und Superintendent der evangelischen Kirche Otto Dibelius (DNVP), der „seine“ Kirche für den Festakt zur Verfügung stellte und in seiner Festrede sprach: „Ein neuer Anfang staatlicher Geschichte steht immer irgendwie im Zeichen der Gewalt […]. Und wenn es um Leben und um Sterben der Nation geht, dann muss die staatliche Gewalt kraftvoll und durchgreifend eingesetzt werden, sei es nach außen oder nach innen.“

3. Der „Tag von Potsdam“ fügte dem „Geist von Potsdam“ eine weitere Komponente hinzu – nämlich sich selbst. Durch die Feierlichkeiten in der Stadt und der Beschwörung ihres „Geistes“, wurde das Ereignis somit selbst zum immanenten Bestandteil des „Geistes von Potsdam“. Seit dem 21. März 1933 war der „Geist von Potsdam“ nicht mehr nur der „Geist der Überhebung“ wie ihn der sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Kuhnt noch im Jahr 1925 umschrieb und schon gar nicht der „Geist der Toleranz“, wie ihn Christian Graf von Krockow noch 1981 in der ZEIT lobte. Der „Tag von Potsdam“ machte den „Geist von Potsdam“ auch zu einem faschistischen.

Wenn wir dem Urteil des Historikers Fritz Stern folgen, der in seinen Lebenserinnerungen diesen Tag als das „moralische Ende Preußens“ deutete, dann ist die Garnisonkirche das Symbol dieses Endes. Befürworter des Wiederaufbaus, die sich ähnlich wie Stern positiv auf Preußen beziehen und nicht müde werden, immer wieder auf die toleranten und aufklärerischen Elemente Preußens zu verweisen, argumentieren somit widersprüchlich, wenn sie den Ort des Untergangs ihrer Ideale wiedererstehen lassen wollen.

 

Christian Wienert, Dortmund

Geschichtslehrer

Ein Gedanke zu “Der fatale Potsdamer Dreibund

  1. Andy schreibt:

    Genau aus diesen Gründen brauchen wir meiner Ansicht nach eine Kopie der Kirche um die Propaganda zu entwerten. Das Argument hier perpetuiert diese Propaganda. Prima gelungen ist die Umwertung beim Brandenburger Tor und bei der Siegessäule in Berlin, die heute für einen ganz anderen Geist stehen, am Brandenburger Tor erwarten wir Flüchtlingsproteste und Freiheitswillen, die Siegessäule hat die Schwulenszene wunderbar bespielt, vom Geist des Militarismus und marschierender SA-Kolonnen ist nichts mehr vorhanden, auch der Wiederaufbau der Frauenkirche steht für einen positiveren bürgerschaftlichen Geist als das anklagende Trümmerdenkmal, verzweifelt unbeholfen die Versuche der Rechtsextremen vor der Frauenkirche gegen den Widerstand der Dresdner Bürgerschaft zu demonstrieren mit ihren revanchistischen Thesen. Ich kann mir nicht vorstellen, wie man den Mythos Tag von Potsdam, der über der Stadt lastet, besser überwinden kann als durch den Aufbau dieser Kirche und die neue Bespielung der Stätte in einem anderen Geist.

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