HILFERUF AUS POTSDAM

FACETTEN EINER „NATIONALEN BEDEUTUNG“
DEN ORT DER GARNISONKIRCHE NEU DENKEN

VON MARCUS GROßE

hilferuf

Sehr geehrte Damen und Herren,

ein Bauprojekt, welches nicht vom räumlichen Bedarf, vom Nutzen her gedacht ist, sondern allein dem Wunsch nach überkommener Symbolik und nach Heilung vermeintlich schmerzvoller Wunden entspringt, hat es per se schwer – es sei denn, seine Symbolik zielt auf Phänomene, welche die Gesellschaft im Ganzen bewegen, sich stark auf aktuelle Befindlichkeiten auswirken.

Wer also ein Gebäude herstellen will, dessen Zweck allein in dessen Symbolkraft liegt, muss sich fragen lassen, inwiefern diese Symbolik selbst gebraucht wird und von wem überhaupt.

In Bezug auf die Garnisonkirche zu Potsdam lässt sich weder ein Raumbedarf noch eine städtebauliche Notwendigkeit erkennen. Am Standort gibt es keinen Bedarf für ein Sakralgebäude, schon gar keinen für eines, das preußische „Militärkultur“ zelebriert. Die angestrebte Symbolkraft erschöpft sich im Wunsch nach Wiederherstellung eines willkürlich aus der Geschichte herausgegriffenen Idealzustands der Stadt Potsdam. Der Wunsch, gefühlte Fehlstellen, Wunden, historische Brüche zu glätten, zu heilen, zu füllen, ist einerseits verständlich, führt andererseits aber nicht zu brauchbaren, in unserer Zeit gültigen Ergebnissen. Die Rekonstruktion abgegangener Bauwerke führt eben nicht zurück in die Geschichte, sondern hin zu Halbheiten, Unwahrheiten, leeren Bildern. Das Rad der Geschichte lässt sich, auch wenn man sich noch so viel Mühe gibt, Abbilder der Geschichte herzustellen, nicht zurückdrehen. Das Bild ist nicht die Geschichte selbst.

Die wiederaufgebaute Garnisonkirche wird ebenso wenig die Garnisonkirche selbst sein, wie das wiederaufgebaute Stadtschloss das Stadtschloss sein wird, sondern jeweils nur ein Abbild, ein haptisch erlebbares zwar, aber eben nicht die Sache, der Ort, das Monument, für die, den oder das es steht.

Wie jede andere Stadt der Welt ist (und war!) auch Potsdam pe
rmanenter Umformung unterworfen ist und bezieht seine Eigenheit und seinen Charme aus der stetigen Veränderung und dem Aufeinandertreffen verschiedener Zeitebenen.

Das Wiederherstellen einzelner Stadtbausteine mag als Phänomen unserer Zeit auch in dieser Abfolge seine Berechtigung haben. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass Rekonstruktionen immer der Makel des Unechten, des Minderwertigen, mitunter sogar des Unbrauchbaren anhaftet.

Die Fördergesellschaft für den Wiederaufbau der Garnisonkirche ist gut beraten, die mangelnde Spendenbereitschaft als Signal anzuerkennen, vom Rekonstruktionsvorhaben Abstand zu nehmen und die gebündelten Kräfte stattdessen auf den Erhalt original auf uns gekommener Geschichtszeugnisse, wie sie in Potsdam zu Dutzenden verkommen und verfallen, zu lenken.

Mit freundlichen Grüßen

Achim Geissinger
Redakteur, Stuttgart

Mehr zum Thema Rekonstrukion und Retrodesign in der db deutsch bauzeitung.

2 Gedanken zu “HILFERUF AUS POTSDAM

  1. Ruediger Droste schreibt:

    Wiederaufbau der Garnisonkirche.
    Wider jeder Vernunft versuchen, in erster Linie, sogenannte „Neupotsdamer“ als Zugewanderte aus den alten Bundesländern, Potsdam selbst um 250 Jahre zurück zu versetzen. Ohne Rücksicht auf Vorstellungen der in Potsdam geborenen oder jahrzehntelang lebenden Bürger wird versucht unter dem Pseudonym “ Mitteschön“ eine Umgestaltung Potsdams zu erzwingen. Leider auch noch von zwangs-umgesiedelten Neubürgern aus den alten Bundesländern , wie Herrn Klipp unterstützt. Wo waren diese Bürger bei der Verschandelung Kölns um den Kölner Dom? Kein Aufschrei und Verlangen diese Glaspaläste wieder abzureißen oder nicht erst zu errichten? Hier aber sollen wir Potsdamer nach dem Motto „Ein steter Tropfen höhlt den Stein“ so lange bearbeitet werden bis es uns reicht.
    Allein schon das Plagiat des Stadtschlosses (angeblich auf den Grundmauern zu errichtenden) Stadtschlosses wäre unnötig gewesen. Heute versöhnt der Anblick etwas diese Fehlentscheidung. Jeder einigermaßen intelligente Bürger wusste, dass durch die notwendige Tiefgarage solche Vorstellungen blanker Unsinn waren. Rund 20 Mio € hätten bei Änderung der Nord-Süd und West-Ost Ausrichtung des Gebäudes Maßnahmen der Straßenverlegung eingespart werden können. Hier wurde schnell ein „Sponsor“ gefunden, der das Fortuna Portal auf den Grundmauern des bisherigen Gebäudes errichten ließ. Damit hatte die Stadt ein Druckmittel geschaffen das Stadtschloß dort zu errichten wo es früher einmal gestanden hat.
    Zur Garnisonkirche sei anzumerken, Es würde reichen den Turm wieder zu erbauen damit das blecherne Gebimmel des Provisoriums endlich durch einen Raumklang seinen wunderschönen Klang erreichen könnte. Aus Sicht eines Gläubigen ist das Kirchengebäude überhaupt nicht erforderlich. Dies nicht nur aus dem Fehlen einer Kirchgemeinde. Hauptsache man hat einen Pfarrer, der ja auch entlohnt werden muss. Aber erst einmal vollendete Tatsachen schaffen in dem die Breite Straße (wider jegliche Notwendigkeit) umgebaut wurde.
    Also kein Stadtschloß, egal welche Vergangenheit dieses Gebäude einmal gehabt hat.
    Ich hege die Hoffnung, dass möglichst viele Potsdamer endlich sich bereit finden gegen dieses neue Plagiat mobil machen.
    R.D. Potsdam Innenstadt

  2. Oli schreibt:

    Ich finde diese Seite befremdlich. Wie kann man denn gegen solch ein wunderbares Vorhaben sein, das ein Stück verlorengegangenes Stadtbild wiedererstehen lassen will? Für mich zeugt das von mangelndem Geschichtsbewußtsein und von einem zutiefst gespaltenen Verhältnis zur eigenen Nation und Geschichte. Was ist denn die Alternative? Plattenbau und Moderne (Lego)? Jeder preist die Errungenschaften moderner Architektur (die in Wirklichkeit überholt und rückwärtsgewandt ist und seit „Bauhaus“ auf einem kümmerlichen Niveau stagniert), sitzt in seiner Freizeit dann aber doch lieber unter einer alten Ulme am Fachwerkhaus, um sein Bier zu trinken. Ich freue mich auf das neue „alte“ Potsdam, es wird eine Bereicherung und die Stadt wieder lebenswerter machen. DDR-Brache und „Moderne“ gibts dort genug.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s