Kirchenaustritt dank Garnisonkirche Potsdam

Rückblende: Show mit schönem Schein

Im letzten September durfte die Stiftung Garnisonkirche einen ZDF-Fernsehgottesdienst zur Bewerbung ihres Neubauvorhabens ausrichten. Sie zog dabei alle Marketingregister für hübsche Bilder und gebefreudige Besucher*innen. Dennoch ist längst nicht jede*r Christ*in und Architekturinteressierte vom neobarocken Wiederaufbaugedanken überzeugt.

Für Professor Philipp Oswalt war besagter Gottesdienst sogar der letzte, noch fehlende Anstoß, um aus der staatlich unterstützten Struktur „Kirche“ auszutreten. Und es waren nicht nur bautheoretische Differenzen, die den ehemaligen Direktor der Stiftung Bauhaus in Dessau zu einem Schreiben an die Kirchenleitung bewegten, wie Sie hier lesen können.

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Stiftung kaschiert Millionengrab

PRESSEMITTEILUNG der Bürgerinitiative für ein Potsdam ohne Garnisonkirche

Potsdam, den 10.11.2016

Für ein Darlehen von 250.000 Euro durch den evangelischen Kirchenkreis Potsdam wirbt die Stiftung Garnisonkirche Potsdam (SGP) mit unseriösen Finanzplänen. Zusammen mit den anderen kirchlichen Darlehen müsste die SGP 5 Mio. Euro an die evangelische Kirche zurückzahlen. Die Rückzahlung ist keineswegs gesichert, da die SGP entscheidende Bedingungen nicht einkalkuliert und Informationen verschweigt. Am kommenden Wochenende tagt die Herbstsynode des evangelischen Kirchenkreises in Potsdam, bei dem ein Antrag auf ein Darlehen für die Garnisonkirche verhandelt wird.

Der laut Presseberichten¹ vorgestellte Rückzahlungsplan berücksichtigt in keiner Weise, dass die Garnisonkirche erst als Turmstumpf gebaut werden soll, ohne Haube und Zierrat. Für den kompletten Turm fehlen weiterhin mindestens 15 Mio. Euro, bei denen steigende Baukosten berücksichtigt werden müssen. Dass sich schon ab 2020 Einnahmen in der genannten Höhe von 610.000 Euro mit einem nicht fertigen Turm bzw. einer fortwährenden Baustelle erzielen lassen, geht an der Realität vorbei – ein Betonturmstumpf lässt sich schlecht als Touristenattraktion vermarkten. Ob überhaupt der Garnisonkirchenturm jemals vollendet werden kann, ist äußerst fraglich. Das bisher sehr geringe Spendenaufkommen ist kein vertrauensvolles Zeichen. Sollte ein Baubeginn kommen, muss sich Potsdam auf eine Bauruine mitten in der Innenstadt einrichten. Die evangelische Kirche muss sich auf einen Millionenverlust vorbereiten.

Ebenso unseriös ist der Umgang mit den Bundesgeldern. Die SGP hofft darauf, dass die Bundesregierung entgegen der Bundeshaushaltsordnung den Zuschuss von 12 Mio. Euro für den Turmstumpf freigibt. Die Verwaltungsvorschrift der Bundeshaushaltsordnung² untersagt eindeutig die Bezuschussung für eine Anfinanzierung von Förderprojekten. Da eine Bundesförderung des Turmstumpfs einer Anfinanzierung gleichkommt, kann dies als rechtswidrig angesehen werden.

Die 5 Mio. Euro kirchliche Darlehen, die sich so mit hoher Wahrscheinlichkeit als Zuschuss entpuppen werden, wären besser in bestehende Kirchenhäuser und Gemeindearbeit anzulegen. So müsste die Kirche nicht auf zwielichtige und mitunter rechtsextreme Spender wie Max Klaar und dessen Traditionsverein zugreifen, womit die evangelischen Kirche zuletzt an Glaubwürdigkeit einbüßte.

¹ siehe http://www.maz-online.de/Lokales/Potsdam/Garnisonkirche-Zinsloser-250-000-Euro-Kredit

² Verwaltungsvorschrift 1.2 Satz 3 zu § 44 der Bundeshaushaltsordnung (BHO): „Zuwendungen dürfen nur solchen Empfängern bewilligt werden, bei denen eine ordnungsgemäße Geschäftsführung gesichert erscheint und die in der Lage sind, die Verwendung der Mittel bestimmungsgemäß nachzuweisen. Bei Zuwendungen für Baumaßnahmen und Beschaffungen muss der Empfänger auch in finanzieller Hinsicht die Gewähr für eine ordnungsgemäße Verwendung und Unterhaltung der Anlagen bieten. Eine Anfinanzierung von Vorhaben, deren Gesamtfinanzierung nicht gesichert ist, ist unzulässig.“

11.09.16: Protest gegen LIVE-Fernsehwerbeveranstaltung für die Garnisonkirche

Reformation 2.0:

 

Kein öffentliches Geld für die Garnisonkirche!

 

Für die Trennung von Staat und Kirche!

 

Sonntags,  11.09.2016 / 11:00 Uhr  / Garnisonkirchenbrache (Breite Straße)

Achtung Beginn hat sich geändert: Ihr könnt auch schon um 9:00 in die Breite Straße kommen, zur Versammlung der Wähler*innengruppe Die Andere (https://www.facebook.com/DIEaNDEREPotsdam). Hauptsache wir  sind viele! Da kann die Polizei so viel verbieten und drohen wie sie möchte.

Kommt als Bauernmob in Arbeitskluft (kann auch modern sein) passend zu den Revolten während der Reformation!

 

Welchen wichtigen Anlass gibt es am diesjährigen 11. September? Etwa den 15. Jahrestag des Attentats auf das World Trade Center in New York? Nein! Für unsere Garnisonkirchenfreund*innen findet an diesem denkwürdigen Datum etwas viel „Bedeutenderes“ statt: Ein Fernsehgottesdienst in der Nähe der Garnisonkirchenbrache (im IHK-Gebäude gegenüber), live ausgestrahlt im ZDF, in dem das Zuschauerpublikum auf das nach nationaler Bedeutung hechelnde Garnisonkirchenprojekt eingestimmt werden soll.

 

Wie und warum es dazu gekommen ist, an diesem besonderen Jahrestag einen Fernsehgottesdienst mit Bezug auf die ehemalige Garnisonkirche zu veranstalten, wissen eventuell Marlehn Thieme, Mitglied des EKD-Rates, Garnisonkircheunterstützerin und Vorsitzende des ZDF-Fernsehrates und ihr guter Bekannter Wolfgang Huber, Vorsitzender der Garnisonkirchenstiftung, der im Fernsehgottesdienst seine weisen Worte an das ZDF-Publikum wenden wird – und sicher jeden unpassenden Vergleich zwischen Garnisonkirche und World Trade Center vermeiden wird…

Wir wollen gegen die unangemessene Fernsehwerbeveranstaltung für die Garnisonkirche vor Ort protestieren.

 

Deshalb rufen wir zur erneuten Reformation auf und haben drei „Thesen“:

  • Kein öffentliches Geld für die Garnisonkirche

  • Trennung von Staat und Kirche

  • Gegen die Dekadenz der Kirchenelite

 

Wir rufen euch, als Potsdamer Bauernschaft, auf:
Zeigt der prunksüchtigen Kirchenleitung, wo eure Mistgabeln hängen! Kommt sonntags im Agrararbeitsoutfit – ganz im Sinne der Bauernaufstände zu Zeiten der Reformation. Denn wie jede*r gute Protestant*in weiß, waren die Finanzschwierigkeiten eines großen Kirchenbauprojektes, des Peterdoms, der zentrale Auslöser der damaligen Reformation. Der Petersdom sollte mittels der Verschärfung des Ablasshandels finanziert werden, weshalb für die arme Bevölkerung das Fass der Feudalgesellschaft zum Überlaufen voll war.

Mehr Infos: http://www.ohne-garnisonkirche.de

zdf

Tausche Straßenumbau gegen Kirchenfinanzierungskonzept! – „Die Andere“ stellt Antrag in SVV

Die Erkenntnisse der letzten Wochen über das dürftige Fianzierungskonzept, die Positionen der evangelischen Kirche und des Landesdenkmalamtes gegen eine Bezuschussung des Nachbaus der Garnisonkirche aus kirchlichen oder öffentlichen Mitteln, werden nun stadtpolitisch verwendet.

Die Fraktion Die Andere des Stadtparlamentes Potsdam stellte am 16.02.12 den
folgenden Antrag:

Quelle: A 12 140 VerschiebRueckbauBreiteStr

Antrag Drucksache 12/SVV/0140 b 

Beschlussvorschlag:
Die Stadtverordnetenversammlung möge beschließen:
Der geplante Umbau der Breiten Straße wird solange ausgesetzt, bis ein tragfähiges Finanzierungskonzept für den Wiederaufbau der Garnisonkirche durch die Stiftung Garnisonkirche vorgelegt, geprüft und verbürgt ist, welches den Wiederaufbau innerhalb einer üblichen Bauzeit von maximal zwei Jahren sicherstellt.

Begründung:
Im Rahmen der aktuellen Planung zum Aufbau der Garnisonkirche soll der Verkehrsraum in der Breiten Straße zurückgebaut werden, da der ehemalige Standort des Kirchturmes in den heutigen Straßenraum hineinragt (siehe Ds 11/SVV/0820). Das Land Brandenburg hat bekannt gegeben, dass es keine Steuermittel für den Neubau der Kirche bereitstellen wird. Die Landeshauptstadt Potsdam darf laut geltender Beschlusslage ebenfalls keine Mittel zur Verfügung stellen. Selbst die Evangelische Landeskirche schließt Zuschüsse für den
Neubau aus. Der oberste Denkmalschützer des Landes Brandenburg, Landeskonservator Karg forderte kürzlich in einem Presseinterview, dass die Sicherung von Originalen mit authentischer Bausubstanz Vorrang gegenüber der Rekonstruktion nicht mehr vorhandener Gebäude haben muss. Gegen die Verwendung von Mitteln aus dem Vermögen der Parteien und Massenorganisationen der DDR (PMO-Mittel) gibt es starken Protest aus den Opferverbänden, die diese Mittel für die maroden Gedenkorte der NS-Verfolgung wie z.B. das Vernichtungslager Klinkerwerk des KZ Sachsenhausen verwenden wollen. Bislang hat die Fördergesellschaft unseres Wissens noch nicht einmal 5% der Mittel durch Spenden eingeworben, die allein für die bauliche Errichtung des Turmes veranschlagt werden. Dabei ist angesichts der Tatsache, dass das alte Fundament sich als nicht mehr nutzbar erwiesen hat und angesichts der zu erwartenden Preissteigerungen in den nächsten Jahren eher mit einer deutlich höheren Bausumme als den bisher angenommenen 45 Mio € zu rechnen.
Die Landeshauptstadt Potsdam läuft Gefahr durch die Verengung der Breiten Straße in finanzielle Vorleistung für ein Projekt zu treten, dessen Realisierung nie in weiterer Ferne lag als heute, weil die entstehenden Kosten schneller wachsen als der Spendenstand. Der Baubeigeordnete Klipp wies darauf hin, dass die im Haushalt eingestellten Mittel für bauliche Investitionen in das bestehende Straßennetz schon jetzt über eine Mio € unter dem tatsächlich nötigen Bedarf liegen. Daher sollten die knappen Ressourcen nicht in den Umbau intakter Straßen,
sondern in dringend benötigte Sanierungsmaßnahmen gesteckt werden.


Kompetente Kritik durch Detlef Karg: Gegen Garnisonkirchkopie und für zeitgemäßes Gedenken

(Quelle)

Ein unzeitgemäßer Nachbau der Kirche als Ort der Versöhnung?

Geld und Kraft der evangelischen Kirche für eine Kirche ohne Gemeinde, statt für verfallende kleine Dorfkirchen mit Gemeinden?

Nach der Bürgerinitiative fragt nun auch der Direktor des Brandenburgischen Landesamtes für Denkmalpflege, Detlef Karg, nach Sinn und Umständen des geplanten Nachbaus der Garnisonkirche.

Er stellt die Frage, wer das Gedenken an Garnisonkirche und ihren Verlust untrennbar mit dem Nachbau des Kirchenhauses verbunden hat. Man könne am alten Standort alternativ mit einer Erinnerungsstätte an den Verlust des Vorgängerbaus und die politischen Umstände, die dazu führten, mahnen.

Mit Detlef Karg meldet sich der Direktor einer Institution zu Wort, die bekannt ist für ihre Förderung vergangener Baukultur, für den Erhalt schützenswerter Bauten. Im Leitbild des Amtes heißt es: 

Die Bewahrung unseres gemeinsamen kulturellen und historischen Erbes für heutige und künftige Generationen liegt auch in der Hand 
der institutionalisierten Denkmalpflege. Im Auftrag und Interesse der
Öffentlichkeit übernimmt sie die Erfassung und Erforschung der Denk-
male, organisiert deren Schutz und Pflege und fördert durch Vermitt-
lung das Denkmalverständnis.(Quelle)

Die Kirchkopie scheint diesem Denkmalverständnis völlig entgegenzustehen, sonst würde Karg wohl nicht so deutliche Worte finden.

Der geplante Nachbau der Garnisonkirche widerspricht dem Gedenken an und Erhalt von Geschichte. Er löscht Geschehenes aus. Macht Gedenken angesichts des Verlustes unmöglich, denn alles ist reproduzierbar. Sogar das alte Turmkreuz.