Können Steine schuldig sein?

Unter der irreführenden Überschrift „Können Steine schuldig sein?“ erschien kürzlich ein Beitrag von Herrn Matthias Schulz im Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL, Ausgabe 22 vom 27.05.2017, Ressort Wissenschaft/Rubrik Geschichte.
Diesen Beitrag gilt es aus mehreren Gründen kritisch zu hinterfragen. Offensichtlich zielt die Frage der Überschrift auf die Formulierung der Fördergesellschaft für den Wiederaufbau der Garnisonkirche (FWG) ab, die in ihrem „Ruf aus Potsdam“ demagogisch von der Hinrichtung dieses Gebäudes spricht. Die vom Autor aufgeworfene Schuldfrage und die von der FWG thematisierte Hinrichtung sind allerdings Hirngespinste, es sei denn, man billigt dem einstigen Kriegstempel eigene Persönlichkeitsmerkmale, wie etwa Bewusstsein, zu.

Für das Ressort „Wissenschaft“ diskreditiert sich der Autor auch mit dem Versuch, von den 23.694 Pro-Klicks für das GK-Projekt auf der Internetseite von FWG/SGP, eine Zustimmung durch die Bevölkerung abzuleiten. Diese Anzahl von Zustimmungen resultiert aus Nutzern des weltweiten Internets, die an einer nicht repräsentativen Befragung teilnahmen. Bezogen auf die deutsche Wahlbevölkerung von ca. 61 Mio. (Wahlberechtigte zur Bundestagswahl 2017), relativiert sich die bundesweite Zustimmung für das umstrittene Projekt auf 0,04 %.
Dass das Wiederaufbauprojekt auch in der Evangelischen Kirche umstritten ist, zeigt die Tatsache, dass 2016 auf der Frühjahrssynode der EKBO nur 64,1 % der Synodalen der Vergabe eines Darlehens für das GK-Projekt zustimmten, 35,9 % Synodale votierten dagegen oder enthielten sich. Ein Darlehen aus dem Kirchenkreis Potsdam für dieses Wiederaufbauprojekt wurde nur von 55,6 % der Synodalen befürwortet, 44,4 % lehnten eine finanzielle Unterstützung ab oder enthielten sich.

Nicht erwähnt hat Herr Schulz, dass 2014 durch uns ein Bürgerbegehren in Potsdam erfolgreich durchgeführt wurde. In nur dreieinhalb Monaten erhielten wir von der Bevölkerung über 14.000 Unterschriften, die vom Wahlleiter geprüft und anerkannt wurden und somit ein nachprüfbares Votum gegen das Wiederaufbauprojekt Garnisonkirche darstellen.
Die Brandenburger Landtagswahl 2014 bot die Chance, die Meinung der Potsdamer Bevölkerung zum umstrittenen Wiederaufbauprojekt Garnisonkirche mit minimalem Aufwand zu erfragen. Dazu hätte man entweder einen Bürgerentscheid oder eine repräsentative Bürgerbefragung zeitgleich mit der Landtagswahl durchführen müssen. Wir als Bürgerinitiative haben uns dafür leider erfolglos eingesetzt. Die Eliten aus Politik und Kirche glaubten vermutlich selbst nicht recht daran, dass ihr umstrittenes Projekt in Potsdam mehrheitsfähig ist, und blockierten das Vorhaben einer Bürgerbefragung.

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Ein Wiederaufbau, der beweist wie weit Deutschland gekommen ist

Am 8. Mai veröffentlichten die „Potsdamer Neuesten Nachrichten“ die Übersetzung einer Kolumne von Richard Morrison ins Deutsche, die am 28. April in der Londoner Tageszeitung „The Times“ unter der Überschrift „Ein Blick aus London auf die Garnisonkirche“ veröffentlicht wurde. Diese Übersetzung wurde noch am gleichen Tag auf der Internetseite der Potsdamer Aufbaufans veröffentlicht und erhielt von deren Klientel erwartungsgemäß regen Zuspruch. Grund genug für uns, diesen Beitrag einer kritischen Betrachtung zu unterziehen.

Zunächst fällt auf, dass der Autor zur Begründung des umstrittenen Wiederaufbaus einige Argumente anführt, die man schon seit Jahren auf der Internetseite der Potsdamer Aufbaufans lesen kann. Beispielsweise bemüht er ebenfalls Bach, der auf Einladung Friedrichs die Orgel der Garnisonkirche ausprobierte, erwähnt die (Zwangs-) Vereinigung von Lutheranern und Reformierten und informiert darüber, dass Friedrich hier in der Gruft aufgebahrt wurde.
Interessanter erscheinen uns allerdings folgende Informationen des Autors zum umstrittenen Wiederaufbauprojekt Garnisonkirche:

1. Die geplante Teilrekonstruktion im Umfang von 22 Mio. britischen Pfund, gefördert von Bundesregierung und evangelischer Kirche anlässlich des 500. Jahrestags der Reformation, steht für eines der umstrittensten Welterbeprojekte in diesem Jahr.
2. Mittlerweile sind die Kosten weit über das hinausgegangen, was geplant war.

Realitätsfern kommt Herr Morrison uns aber vor, wenn er sich zur Sprengung und zum Abriss der Überreste der Garnisonkirche äußert. Er bezeichnet diese Entscheidungen als Akt staatlichen Vandalismus und unterstellt der DDR die Absicht „jedes einzelne Monument auszuradieren, das ihr selbst vorausgegangen war“.
Folgt man dieser kruden Unterstellung des Autors, dürfte es in Potsdam eigentlich gar keine Kunst- und Baudenkmäler aus der Zeit vor 1945 mehr geben. Keine Schlösser und Gärten wie den Park von Sanssouci, den Neuen Garten oder den Babelsberger Park. Allerdings besuchen zahlreiche Touristen Potsdam und können sich von der Unversehrtheit ererbter Architektur, sowie vieler Kunst- und Kulturgüter aus vergangenen Jahrhunderten überzeugen. Bei einer Stadtführung könnten sie auch erfahren, dass die Restaurierung der im April 1945 stark zerstörten Nikolaikirche seitens der DDR erheblich gefördert wurde und 1981 abgeschlossen wurde. Die Errichtung dieser Kirche begann 1830 nach Plänen von Karl Friedrich Schinkel, vollendet wurde sie mit der Fertigstellung der Kuppel 1850. Nach der schlichten Logik des Aufbaufans Morrison hätte die DDR die Nikolaikirche ausradieren müssen, aber die Realität ist nun einmal das Kriterium der Wahrheit.

Für realitätsfern halten wir auch die Aussage des Autors, wenn er suggeriert, es wären Kompromisse zum Wiederaufbau ausgehandelt worden. Betrachtet man die ursprünglich geschätzten Baukosten für die Garnisonkirche, 40 Mio. € für den Turm und 60 Mio. € für das Kirchenschiff, und vergleicht sie mit den eingeworbenen Mitteln zu ihrer Finanzierung wird klar: Unter Nutzung von 12 Mio. € Fördermittel der Bundesregierung und 5 Mio. € kirchlicher Darlehen sind gerade einmal die Baukosten für eine stark reduzierte Variante des Turms – ohne Turmhaube, Glockenspiel und barocken Verzierungen – gesichert. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt sind also noch nicht einmal die gesamten Baukosten für den originalgetreu rekonstruierten Turm gesichert. Die Sicherung der Baukosten für das Kirchenschiff ist daher gegenwärtig nicht einmal im Ansatz gegeben, egal ob als barocke Kopie oder im modernistischen Architekturstil realisiert. Vor diesem Hintergrund suggeriert der Verzicht auf den Aufbau des Kirchenschiffs lediglich fehlende Finanzmittel für dieses Bauvorhaben. Da denkt man bestenfalls an den Spruch „Arm wie eine Kirchenmaus“, aber nicht an Kompromissbereitschaft seitens der Potsdamer Aufbaufans.

Am Ende seines Beitrags versucht Aufbaufan Morrison zu suggerieren, dass der Wiederaufbau der Garnisonkirche ein Zeichen dafür wäre, dass Deutschland bereit sei, sich mit allen Facetten seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen, weil seine Bürger mittlerweile zu den tolerantesten Völkern dieses Planeten gehören.
Der Kolumnist der Times verdrängt allerdings die historische Tatsache, dass die Garnisonkirche wie kein anderes Gebäude unserer Stadt den (Un-) Geist von Potsdam symbolisiert. Wir hätten es trotzdem begrüßt, wenn sich die Verantwortlichen der Evangelischen Kirche in Deutschland kritisch mit der Vergangenheit der Garnisonkirche und den dort tätigen Pfarrern beschäftigt hätten. Denn es waren Pfarrer der Garnisonkirche, die mit ihren Kriegspredigten einen wesentlichen Beitrag der Evangelischen Kirche zur „geistlichen Mobilmachung“ leisteten, während zweier Weltkriege.
Vor diesem Hintergrund halten wir auch den Begriff „gotteslästerliche Bude“ für die Garnisonkirche für angemessen und legitim. Dass sich der ehemalige Bischof Wolfgang Huber über diese Wortwahl echauffiert, lässt wenig Konstruktives im Umgang mit der Geschichte der Garnisonkirche und den dort bis 1945 agierenden Kirchenakteuren erwarten.

Link zur Kolumne: http://www.pnn.de/potsdam/1180942/

Unsere Buchempfehlung zum Thema:

FÜR DEUTSCHTUM UND VATERLAND | Die Potsdamer Garnisonkirche im 20. Jahrhundert
Autor Matthias Grünzig
Erschienen 2017 im Metropol Verlag
ISBN: 978-3-86311-296-1

Übergabe der Unterschriften: Medienecho

Am 7.7.2014 übergaben wir die Ordner mit den Unterschriften des Bürgerbegehrens an das Potsdamer Wahlamt.

Auf unsere Einladung hin kamen Vertreter*innen von dpa, epd, rbb und der MAZ.

Hier finden Sie einige der entstandenen Artikel und Sendungen:

Berliner Zeitung

RBB Beitrag

MAZ Artikel

Artikel in den PNN

Und ein taz-Artikel.

Betreff: RBB Interview

(Quelle) 

Sehr geehrte Garnisonkirchebefürworter:

Denken Sie nicht, dass wir dem Kirchennachbau, seiner Symbolik und seinen Kosten nur schlichte Kritik zum Alter des Bauwerkes und zur Abgeschlossenheit seiner Geschichte entgegenzusetzen hätten. Das auch, doch weitaus deutlicher, weitaus wichtiger sind die Fragen nach dem schönen Schein der Versöhnung, in dem Sie sich sonnen und die Lasten, die Ihr Bauvorhaben der öffentlichen Kasse aufbürdet. Wir suchen weiterhin den inhaltlich gewinnbringenden Dialog mit Ihnen und werden weiter FRAGEN, bevor Sie BAUEN!

Lieber Rundfunk Berlin Brandenburg:

Ja, wir als Bürgerinitiative suchen den Diskurs um die Garnisonkirchenkopie. Nein, wir suchen nicht die vereinfachte, schlichte Konfrontation.

Ihre  BI.