Fürchtet euch nicht, ihr Lämmer, ArgosGuard ist da!


Überwachungskamera Garnisonkirche Potsdam

Gott sieht alles. Neuerdings auch mit Argusaugen. Popelt da etwa jemand beim Betrachten der Kirchbrache? Ist das vielleicht Oralsex, gegenüber im zweiten Stock? Und ohne korrekt zugezogene Vorhänge, pfui Teufel! Gott beobachtet euch, Tag und Nacht. Integriertes Infrarotlicht!

Früher kamen vaterlandslose Sozialstaatsfanatiker und sprühten Slogans an die Balustrade. Kitas statt Kirchen. Was für ein Quatsch, in den kirchlichen Kitas Potsdams haben wir doch genug Platz für alle kleinen Bürger. Jetzt hat die Stiftung Garnisonkirche aufgerüstet und nutzt das Neueste vom Neuen. Gott ist schließlich nicht von gestern, Gott ist 24/7 online.

Überwachungskamera Garnisonkirche Potsdam

Doch noch muss der Mast auf dem Boden stehen und antiquierten Stadioncharme versprühen. Besonders wirkungsvoll nachts.
„Aaaachtung, aaachtung, still gestanden, Bursche! Argos sieht Dich! Weg da von Gottes Grundstück!“
– „Oh mein Gott..“, wird der fehlgeleitete Mensch mit der Spraydose denken, „… der Himmel spricht, schnell weg hier!“ – Und am nächsten Tag in die Kircheneintrittsstelle in der Nikolaikirche gehen.

So viel Funktionalität hat ihren Preis. 350 € pro Woche. Kein Problem, das sind ja nur ein paar Steinchen weniger für den Kirchturm. Dafür verschönert der Mast mit Lautsprecher und Kameras nun wirklich das Stadtbild. Die Jüngsten bleiben verzückt stehen und versuchen im Sand der Kirchbrache die Teletubbies zu entdecken, die sonst immer kommen, nachdem ein Lautsprecher herauskam. Ältere denken nostalgisch an Leni Riefenstahl, wünschen sich Rammsteins Depeche Mode Coversong aus den Lautsprecherboxen und sehen schon Diskuswurf oder Bodenturnen auf der Brache.

Überwachungskamera Garnisonkirche Potsdam

„Let me see you stripped“ sangen die Mecklenburger Rocker zur archaischen Stadionästhetik und ziemlich nackt bleibt auch der Kirchgrund. Ein ordentlicher Zaun wäre zu kleidsam für das Aufbauvorhaben. Gott mag keinen Stacheldraht und keine hohen Grenzen, Gott will freie Sicht!

1400 € kostet der gemietete Kameramast im Monat. Mit Zubehör, Fernzugriff und Alarm, sobald die Software einen Menschen im festgelegten Radius erkennt. Dafür hätte man auch einen gut aussehenden Wachmann in ein Häuschen stellen können. Wie bei der Queen. Ein Touristenmagnet wäre das gewesen. Doch für den Niedriglohnsektor ist die Stiftung Garnisonkirche nicht zu haben. Sie probiert lieber Orwellsche Produktneuheiten aus.

Überwachungskamera Garnisonkirche Potsdam

Werbeanzeigen

Verfolgung und Versöhnung mit der CDU

Beim Wiederaufbau der Garnisonkirche gehe es um die Wiederbelebung einer „ehemals aktiven christlichen Gemeinde“, mutmaßt MdB Philipp Lengsfeld in einem Kommentar in den PNN. Er übersieht dabei, dass die Heilig-Kreuz-Gemeinde seit Jahrzehnten in ihrem Gemeindehaus aktiv ist, welches aus Geldern der SED-Entschädigung entstand.
Die Zeitungsrubrik „Position“, in der der Enkel „eines hohen Stasioffiziers“ seine Ideen veröffentlicht, ist für kontroverse Texte vorgesehen, die die Leser*innen auch mal aufregen oder die Leserschaft spalten dürfen. Dies ist Lengsfeld durch seine mangelhafte Recherche und paranoide Argumentation gelungen.

Zunächst ist die BI „Für ein Potsdam ohne Garnisonkirche“ keine rein studentische Initiative, sondern eine Mischung von Menschen unterschiedlichen Alters, diverser Berufe und verschiedener Konfessionen. Nicht wenige Aktive besuchen gern Veranstaltungen in einer der 39 Kirchen Potsdams und schätzen die gute Arbeit der evangelischen Kirchen in der Sachen Kultur und Gemeinschaftsleben.

Eine Zwangshandlung – die Sprengung der sanierungsbedürftigen Heilig-Kreuz-Kirche – durch eine neue – den Bau eines stadtüberragenden Turmes im Barockstil – wiedergutmachen zu wollen, ist die gleiche Denkweise, wie jene, die weltweit zu bewaffneten Auseinandersetzungen führt. Man kann sie ideologisch motiviert nennen – oder eben paranoid und vergeltungssüchtig.
Wie bei jeder Minipsychose, so schaffen sich auch Teile der CDU ihre Wahrnehmungen selbst: Es werden Studierende gesehen, die hörig den vermuteten Vorgaben ihrer Vorfahren folgen. Dass eigentlich kaum jemand den Terminus „Kulturbarbarei“ abstreitet und die Aktivist*innen mitnichten „junge geschichtsvergessene Studenten“ sind, blendet Lengsfeld aus.
Mit derselben Logik, die Lengsfeld anlegt, kann man Wolfgang Huber oder Lengsfeld selbst unterstellen, sie wollten sich nur an den Werken ihrer Väter oder Großväter abarbeiten. Was machen die Vertreter dieser SED-Enkel-These eigentlich mit den Menschen, die in der BRD aufgewachsen sind, und keinen Wiederaufbau der Garnisonkirche wollen?

Und übrigens: Manch einer in Potsdam fühlt sich durch die Ablehnung von Elementen direkter Demokratie durch das konservative bürgerliche Lager leicht an die SED erinnert. Auch die Tatsache, dass im Kuratorium der Garnisonkirchen-Stiftung ein Mensch sitzt, dem einst die Verdienstmedaille der DDR verliehen wurde, kann Einem zu denken geben. Doch nicht jedes schlechtes Gefühl verdient Ausbreitung – aus psychologischer Sicht ist der CDU dringend von weiterer Pathogenese abzuraten, die Versöhnung mit der Realität durch die Technik der „radikalen Akzeptanz“ kann ein Anfang sein. Heilung und Versöhnung beginnt in Menschen, nicht in Stadtbildern – spätestens nach Jahrzehnten, erst recht in Enkelgenerationen, ist es mehr als legitim, sich von Symbolen und alten (Gedanken-)Mustern zu verabschieden.