Ungeliebt und gern zerstört?!

Unter diesem Titel erinnerte vor 5 Jahren eine Ausstellung in Hannover an die ehemalige Garnisonkirche dieser Stadt.

Offensichtlich wirkten Garnisonkirchen im Nachkriegsdeutschland wie ungeliebte Fremdkörper, egal ob in Hannover oder in Potsdam. In Hannover wurde die Garnisonkirche am Goetheplatz am 15. August 1960 gesprengt, wenige Tage später waren die Abrissarbeiten beendet und dieser Bau Geschichte. Den 2. Weltkrieg hatte diese Kirche vergleichsweise unbeschadet überstanden, die laut ‚Hannoversche Allgemeine Zeitung‘ als eine der schönsten Kirchenbauten Deutschlands galt.

Erst acht Jahre später, im Juni 1968, erfolgten in Potsdam die Sprengung des Turms der Garnisonkirche und der Abriss der Reste des ausgebrannten Kirchenschiffs. Mit dem Abtransport der baulichen Überreste verschwand ein architektonischer Schandfleck aus dem Stadtbild Potsdams. Da von der Turmruine immer wieder lose Steine und Sandsteinelemente fielen, war der Abriss auch unter dem Aspekt der Verkehrssicherheit für Passanten und Fahrzeuge alternativlos.

Die Zerstörung und Entsorgung der Garnisonkirche in Hannover stieß damals überregional kaum auf Medienresonanz. Verglichen mit dem Propagandaaufwand, den Aufbaufans der etablierten Parteien bzw. der Evangelischen Kirche um die Sprengung der Potsdamer Garnisonkirche betreiben, tendiert der Informationsaufwand bezüglich der Kirchensprengung in Hannover gegen null.

Verständlich, denn sonst könnten ja Christen anno 2017 in Potsdam bemerken, dass auch in den alten Bundesländern, dem Zeitgeist bis Mitte der 70er-Jahre in Gesamtdeutschland entsprechend, Sakralbauten zerstört wurden, durch Sprengung bzw. Abriss. In dieser Zeit dominierten damals städtebauliche und architektonische Ideen der Nachkriegsmoderne, geprägt von optimistischen Zukunftsvisionen und einer geringen Wertschätzung für das bauliche Erbe der Vergangenheit. Wie zum Beispiel auch in Bremen, wo in den 50er-Jahren mehrere zerstörte Großkirchen aus der Zeit vor 1945 verschwanden, darunter die St. Ansgarii Kirche mit ihrem über 100 Meter hohen Turm.

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Einladung zur Veranstaltung „Die Geschichte der Garnisonkirche zwischen 45′ – 68′“

Die Geschichte der Potsdamer Garnisonkirche von 1945 bis 1968 – Zwischen Mythenbildung und wissenschaftlicher Forschung

Vortrag und Diskussion mit…

Referent: Matthias Grünzig
Diskussionsgast: Prof. Dr. Martin Sabrow
Moderation: Dr. Jörg Kwapis

Wann: Donnerstag, 23.04.2015, 18 Uhr
Wo: Hörsaal 1, Fachhochschule Potsdam, Friedrich-Ebert-Str. 4


Die Sprengung der Garnisonkirche 1968 ist ein Ereignis, um das sich bis heute zahlreiche Mythen ranken.
Der Architekturjournalist Matthias Grünzig wagte einen tiefen Blick in die staatlichen und kirchlichen Archive und förderte überraschende Erkenntnisse zutage. Die unveröffentlichten Forschungsergebnisse werfen ein neues Licht auf die Haltung der staatlichen und kirchlichen Akteure zur Garnisonkirche. Die Originaldokumente lesen sich wie ein Geschichtskrimi mit aus heutiger Sicht unerwarteten Positionen und Abläufen.
Eine wissenschaftliche Publikation ist in Arbeit, auf der Veranstaltung präsentiert der Referent seine ersten Ergebnisse.

Die Veranstaltung wird von der Bürgerinitiative ‚Für ein Potsdam ohne Garnisonkirche‘ organisiert, in Kooperation mit dem Verein zur Förderung antimilitaristischer Traditionen der Stadt Potsdam e.V. und gefördert von der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung