Offener Brief des EKBO-Mitglieds Gunnar Albers

Kürzlich erreichte auch uns folgender

Offener Brief an den Vorstand und die Mitglieder des Kuratorium der Stiftung Garnisonkirche Potsdam und den Vorstand der Fördergesellschaft für den Wiederaufbau der Garnisonkirche Potsdam e. V.

Sehr geehrte Damen und Herren,

„Als „Kirche der Schande“ bezeichnet die Gesetzestreue Jüdische Landesgemeinde in einer Erklärung das Gotteshaus, dessen Wiederaufbau seit Jahren von der Garnisonkirchenstiftung vorangetrieben wird: „Schon allein das Vorhaben des Wiederaufbaus schadet dem nationalen und internationalen Ansehen der Stadt Potsdam und sorgt für tiefste Enttäuschung bei weiten Teilen der jüdischen Bevölkerung“, schreibt der Vorstand rund um Shimon Nebrat.“ 1)

Was soll der Kern dieses Projektes sein: „Versöhnung“ oder „Historischer Wiederaufbau der Garnisonkirche“?

Zu Versöhnung gehört auch das Eingeständnis der eigenen Schuld. Angesichts der historischen Schuld auch der evangelischen Kirche ist die Frage zu stellen, welche Erinnerungskultur von Stiftung und Fördergesellschaft gepflegt wird. Einen Anhaltspunkt gibt der Internetauftritt. Unter der Adresse http://wissen.garnisonkirche.de/ bietet die Stiftung eine Online-Ausstellung zur Geschichte der Garnisonkirche an. Informationen zur Geschichte der Kirche aus der Zeit des Nationalsozialismus sucht der Besucher dort leider vergeblich, mit diesem dunklen Kapitel der Geschichte der evangelischen Kirche in Deutschland will sich die Stiftung online anscheinend nur sehr begrenzt auseinandersetzen.

„Das von brauner Asche besudelte Gebäude kann durch den Neubau nicht reingewaschen werden.“ Friedrich Schorlemmer 2)

Der berühmte Handschlag von Hitler und Hindenburg fand in der Garnisonkirche unter den wohlwollenden Blicken des damaligen Generalsuperintendenten Otto Dibelius statt, dem Ratsvorsitzenden der evangelischen Kirche in Deutschland von 1949 bis 1961. Als am 1. April 1933 der „Judenboykott“ der SA gegen jüdische Geschäfte erfolgte, stellte Dibelius sich hinter den Hitlerstaat und erklärte: „Schließlich hat sich die Regierung genötigt gesehen, den Boykott jüdischer Geschäfte zu organisieren – in der richtigen Erkenntnis, daß durch die internationalen Verbindungen des Judentums die Auslandshetze dann am ehesten aufhören wird, wenn sie dem deutschen Judentum wirtschaftlich gefährlich wird. Das Ergebnis dieser ganzen Vorgänge wird ohne Zweifel eine Zurückdämmung des jüdischen Einflusses im öffentlichen Leben Deutschlands sein. Dagegen wird niemand im Ernst etwas einwenden können.“ 3)

Wenn zum Zeitraum 1933 bis 1945 sowenig Informationen auf den Internetseiten der Stiftung zu finden sind, so stellt sich die Frage, aus welchem Geschichtsverständnis heraus agiert wird, wenn der Wiederaufbau auch gegen die ausdrückliche Kritik einer jüdischen Gemeinde durchgedrückt werden soll. „Also: Auch wir (…) wollen nicht, daß an der Garnisonkirche ein Schuldkult betrieben wird!“ 4) Mit diesen Worten bringt Burkhart Franck, ehemaliger Vorsitzender des Vorstandes der Fördergesellschaft (2012–2015), die dort akzeptierte Haltung auf den Punkt. Diese Wortwahl ist nicht zufällig, und es finden sich entsprechende Äußerungen im parteipolitischen Spektrum: „Schuldkult – nein danke!“ 5), diese Meinung wird auch bei der NPD vertreten.

Mit einem solchen Geschichtsverständnis ausgestattet, lässt es sich dann auch gut über die Menschen, die einen Wiederaufbau ablehnen, pöbeln: „Nach meinem Eindruck sind die Gegner des Wiederaufbaus nicht nur kirchenhassende Kommunisten. Es sind auch andere Menschen mit geringen Geschichtskenntnissen oder verzerrtem Weltbild darunter, die noch heute der Propaganda von Goebbels und der SED zum „Tag von Potsdam“ aufsitzen.“ 6) – so die auf der Internetseite der Stiftung verkündete Einschätzung. Eine auf Versöhnung bedachte Haltung sieht anders aus. Diese unversöhnliche Haltung findet ihre Entsprechung ebenfalls in parteipolitischen Äußerungen: „Es ist immer wieder unfassbar, wie das linke Lager mit ideologischen Beißreflexen versucht, die Garnisonkirche zu diskreditieren, die eine beinahe 300-jährigen Geschichte hat.“ 7), heißt es in einer Meldung aus der AfD-Fraktion Brandenburg.

Entsprechend unterstellt auch Wolfgang Huber den Menschen, die einen Wiederaufbau ablehnen, eine irrationale Rachsucht: „Vehement wird vorgeschlagen, sich an der Geschichte zu rächen, indem man ihre Orte auslöscht und den Geist der Vergangenheit versenkt.“ 8) Das eine Ablehnung des Wiederaufbaus einem Auslöschen gleich kommt, ist doch sehr weit hergeholt. Bei dem „Auslöschen“ der jüdischen Mitmenschen war die evangelische Kirche durch das Ausstellen der sogenannten „arischen Nachweise“ ganz konkret beteiligt. Vor diesem Hintergrund ist das von dem Vorgehen der Stiftung ausgehende politische Signal für die Zukunft besonders fatal – welchen Umgang mit ihren andersgläubigen Mitmenschen will die evangelische Kirche hier für die Zukunft propagieren? „Machtdemonstration gegen alle Widersprüche“ oder „versöhnliche Rücksichtnahme“?

Liebe Befürworter eines Versöhnungsortes, von dem Gedanken der Versöhnung hat sich das Projekt immer mehr in Richtung historischer Wiederaufbau verschoben, bis zuletzt sogar das Kreuz vom Kirchturm verbannt wurde. Bereits jetzt besteht mit der Nagelkreuzkapelle ein Ort der Versöhnung. Viele architektonische Lösungen sind denkbar, wenn alle Seiten Kompromiss- und Versöhnungsbereitschaft zeigen. Ein historischer Wiederaufbau der Garnisonkirche gegen den Willen einer jüdischen Gemeinde vor Ort ist mit der Idee der Versöhnung nicht zu vereinbaren. Als evangelischer Christ schäme ich mich persönlich für das geschichtsvergessene Vorgehen der evangelischen Kirche in dieser Frage. Daher möchte ich Sie hiermit nochmals nachdrücklich bitten, auf eine bauliche Rekonstruktion der Garnisonkirche bzw. des Turms zu verzichten.

Mit versöhnlichen Grüßen
Gunnar Albers
Mitglied der EKBO

1) http://www.maz-online.de/Themen/G/Garnisonkirche-in-Potsdam/Juden-gegen-die-Kirche-der-Schande
2) https://ohnegarnisonkirche.wordpress.com/tag/schorlemmer/
3) Zitiert bei Wolfgang Gerlach: Als die Zeugen schwiegen. Bekennende Kirche und die Juden. (= Studien zu Kirche und Israel, Bd. 10). Institut Kirche und Judentum, Berlin 1993², ISBN 3-923095-69-4, S. 41f.
4) http://garnisonkirche-potsdam.de/kontakt/gaestebuch/ 30. März 2009 | 13:49 (ca. S. 27, zuletzt abgerufen am 28.08.2017)
5) https://npd-brandenburg.de/schuldkult-nein-danke-ja-zu-einem-wuerdigen-gedenken/
6) http://garnisonkirche-potsdam.de/kontakt/gaestebuch/ 08. April 2014 | 11:57 (ca. S. 10, zuletzt abgerufen am 28.08.2017)
7) http://afd-fraktion-brandenburg.de/afd-fraktion-wiederaufbau-der-potsdamer-garnisonkirche-muss-gesichert-werden/
8) https://predigten.evangelisch.de/predigt/frieden-lernen-wolfgang-hubers-predigt-zur-garnisonkirche

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Offener Brief an Renke Brahms, neues Mitglied in der Garnisonkirchenstiftung

Fragen zu ethischen Kriterien bei Spendensammlung, Umgang mit Bürgerbegehren, Widerspruch zwischen Luxusbau und Geldmangel für Friedensarbeit

Sehr geehrter Herr Brahms,

wir, die Bürgerinitiative für ein Potsdam ohne Garnisonkirche, wenden uns an Sie als neuen „Friedens- und Versöhnungsbeauftragten“ der Stiftung Garnisonkirche Potsdam (SGP). Sie haben sich als Friedensbeauftragter der EKD mit dem Thema Frieden und Konfliktlösung befasst und immer wieder gemahnt, den Worten Taten folgen zu lassen.
Auf der folgenden Seiten haben wir Ihnen Fragen aufgeschrieben, um deren Beantwortung wir bitten.
Vielen Dank für Ihre Bemühungen.

Mit freundlichen Grüßen

Simon Wohlfahrt       Annegret Pannier       Lutz Rother
im Namen der Bürgerinitiative für ein Potsdam ohne Garnisonkirche

Aus Ihrer Pressemitteilung vom 04.07.2016:
„‚Rüstungsexporte tragen zur Friedensgefährdung bei. Sie dürfen nicht ausgeweitet, sondern sie müssen drastisch reduziert werden‘, machte Renke Brahms deutlich. Es reiche nicht aus, wenn die Bundesregierung in Erklärungen immer davon rede, Rüstungsexporte zu begrenzen, wenn am Ende die Ausfuhrgenehmigungen doch so stark steigen würden. ‚Hier müssen den Worten dann auch erkennbare Taten folgen‘, so der EKD- Friedensbeauftragte.“

Wie wichtig sind Ihnen ethische Maßstäbe bei der Spendeneinwerbung?
Folgen den Worten auch Taten?

Der theologische Vorstand der Garnisonkirchenstiftung, Martin Vogel, gab gegenüber unserer BI Anfang 2014 bekannt, dass die Stiftung an ethischen Richtlinien zur Spendeneinwerbung arbeite. Diese wurden bisher nicht erkennbar eingesetzt. Wir befürchten, dass Martin Vogel leere Versprechungen gemacht hat.
So konnte erst vor Kurzem ein Zahnarzt namens Andree Schmitzius aus Celle 10.000 Euro öffentlichkeitswirksam an die Stiftung spenden, obwohl er nachweislich über seinen Twitteraccount gegen Geflüchtete hetzte und eine große Nähe zur AfD zeigt.
Dass nun die letzten Großspender anonym auftreten, macht es für die Öffentlichkeit noch schwerer einzuschätzen, in welche finanzielle Abhängigkeit sich das Projekt begibt. Ohne eine transparente Spendensammlung und der damit verbundenen Anwendung von ethischen Grundsätzen, wie sie z.B. Ärzte ohne Grenzen¹ teilen, ist der selbsternannte Versöhnungsort unglaubwürdig. Selbst für Menschen, die sich für die Garnisonkirche wegen der Friedensarbeit interessieren, ist es enttäuschend, wenn die Garnisonkirche in weiten Teilen von der Rüstungsindustrie oder von nationalkonservativen und rechtspopulistischen Kreisen finanziert sein sollte.

Aus Ihrem Diskussionspapier „Die Zukunft der protestantischen Friedensarbeit in Deutschland“:
„Auch ein weiter gefasstes Verständnis von Friedensarbeit als Umgang mit Konflikten, einer für alle hauptamtlichen Mitarbeiter alltäglich relevanten Problematik, ist in der Ausbildung von PfarrerInnen kaum berücksichtigt.“

Wie verantworten Sie einen Baustart des Wiederaufbaus, ohne den Konflikt in der Stadt gelöst zu haben? Wie gehen Sie damit um, dass der Bevölkerung trotz erfolgreichen Bürgerbegehrens bisher ein Votum über den Wiederaufbau der Garnisonkirche verwehrt wurde?

Mehr Demokratie e.V. hatte 2014 in einem Anschreiben an die Abgeordneten vor der Abstimmung zum Bürgerbegehren darauf hingewiesen, dass ein Bürgerentscheid zur Garnisonkirche zur demokratischen Konfliktlösung der Stadt beiträgt. Weder die Mehrheit der Stadtverordnetenversammlung noch die SGP hat sich dieser Position angeschlossen. Im Gegenteil: Der bisherige Umgang mit dem Bürgerbegehren lässt darauf schließen, dass die Rhetorik der Versöhnung und des Friedens einen Hohn gegenüber der Potsdamer Stadtgesellschaft darstellt. Die  Art der Beteiligung der SGP am Bürgerdialog hat gezeigt, dass die SGP nicht an einer Konfliktlösung interessiert ist, sondern viel mehr ihn als Möglichkeit des Marketings sah, so wie Herr Dombert es schriftlich gegenüber dem Gremium des Bürgerdialogs verlauten ließ. Schließlich brachte Pfarrerin Frau Radeke-Engst die Verhöhnung der direktdemokratischen Beteiligung auf den Punkt, indem sie in einer öffentlichen Diskussionsrunde das Bürgerbegehren als „Witz“ bezeichnete.

In Ihrem Diskussionspapier „Die Zukunft der protestantischen Friedensarbeit in Deutschland“ prangern Sie immer wieder die Sparmaßnahmen an, unter denen die Friedensarbeit in der evangelischen Kirche leidet.

Wie rechtfertigen Sie eine teure Luxuskirche vor dem Hintergrund Ihrer Kritik an Sparmaßnahmen gegenüber der Friedensarbeit?

Für eine gute Friedensarbeit an der Basis braucht es keinen 40 Mio. bis 50 Mio. Euro teuren Turm, geschweige denn ein noch viel teureres Kirchenschiff. Der Öffentlichkeit und den Kirchenmitgliedern zu kommunizieren, es seien zu wenig Finanzen für Friedensarbeit vorhanden, während Sie ein Luxusprojekt unterstützen, was sich in weiten Teilen mit öffentlichem Geld finanziert, ist nicht vermittelbar. Weiterhin riskiert die evangelische Kirche mit einem Baustart eine Bauruine in Potsdam. Denn es liegt völlig im Unklaren, wer die für die Fertigstellung des Turms fehlenden  20 bis 25 Mio. Euro – bei anzunehmender Baukostensteigerung – finanzieren soll. Es ist unverantwortlich der Öffentlichkeit wie auch den Kirchenmitgliedern gegenüber, ein solches Risiko einzugehen. Es wurden in den letzten 10 Jahren keine nennenswerten Spendensummen zusammengetragen, so dass das jahrelange Versprechen der 100%igen Spendenfinanzierung gebrochen wurde und ein Turmstumpf nun zum Großteil durch die Öffentlichkeit und mit Kirchengeldern finanziert wird. Das Verhalten der Geschäftsführung macht die Kalkulation des Wiederaufbauprojekts nicht vertrauenswürdiger: Laut der Geschäftsführung der SGP sind die Baukosten seit 2012 gesunken. Schließlich machte Herr Leinemann gar falsche Angaben über den Spendenstand gegenüber dem Hauptausschuss im April 2014. Herr Leinemann gab sich bisher keinerlei Mühe, die Differenz von mehr als 2 Mio. Euro zu erklären – er gab damals mehr Spenden an, als tatsächlich vorhanden waren. Mit diesen falschen Zahlen wurde rund 2 Jahre in der Öffentlichkeit geworben. Vor der Bundesregierung musste schließlich die Stiftung vor ein paar Monaten den tatsächlichen Spendenstand offenlegen.

-> Offener Brief als pdf

Verfolgung und Versöhnung mit der CDU

Beim Wiederaufbau der Garnisonkirche gehe es um die Wiederbelebung einer „ehemals aktiven christlichen Gemeinde“, mutmaßt MdB Philipp Lengsfeld in einem Kommentar in den PNN. Er übersieht dabei, dass die Heilig-Kreuz-Gemeinde seit Jahrzehnten in ihrem Gemeindehaus aktiv ist, welches aus Geldern der SED-Entschädigung entstand.
Die Zeitungsrubrik „Position“, in der der Enkel „eines hohen Stasioffiziers“ seine Ideen veröffentlicht, ist für kontroverse Texte vorgesehen, die die Leser*innen auch mal aufregen oder die Leserschaft spalten dürfen. Dies ist Lengsfeld durch seine mangelhafte Recherche und paranoide Argumentation gelungen.

Zunächst ist die BI „Für ein Potsdam ohne Garnisonkirche“ keine rein studentische Initiative, sondern eine Mischung von Menschen unterschiedlichen Alters, diverser Berufe und verschiedener Konfessionen. Nicht wenige Aktive besuchen gern Veranstaltungen in einer der 39 Kirchen Potsdams und schätzen die gute Arbeit der evangelischen Kirchen in der Sachen Kultur und Gemeinschaftsleben.

Eine Zwangshandlung – die Sprengung der sanierungsbedürftigen Heilig-Kreuz-Kirche – durch eine neue – den Bau eines stadtüberragenden Turmes im Barockstil – wiedergutmachen zu wollen, ist die gleiche Denkweise, wie jene, die weltweit zu bewaffneten Auseinandersetzungen führt. Man kann sie ideologisch motiviert nennen – oder eben paranoid und vergeltungssüchtig.
Wie bei jeder Minipsychose, so schaffen sich auch Teile der CDU ihre Wahrnehmungen selbst: Es werden Studierende gesehen, die hörig den vermuteten Vorgaben ihrer Vorfahren folgen. Dass eigentlich kaum jemand den Terminus „Kulturbarbarei“ abstreitet und die Aktivist*innen mitnichten „junge geschichtsvergessene Studenten“ sind, blendet Lengsfeld aus.
Mit derselben Logik, die Lengsfeld anlegt, kann man Wolfgang Huber oder Lengsfeld selbst unterstellen, sie wollten sich nur an den Werken ihrer Väter oder Großväter abarbeiten. Was machen die Vertreter dieser SED-Enkel-These eigentlich mit den Menschen, die in der BRD aufgewachsen sind, und keinen Wiederaufbau der Garnisonkirche wollen?

Und übrigens: Manch einer in Potsdam fühlt sich durch die Ablehnung von Elementen direkter Demokratie durch das konservative bürgerliche Lager leicht an die SED erinnert. Auch die Tatsache, dass im Kuratorium der Garnisonkirchen-Stiftung ein Mensch sitzt, dem einst die Verdienstmedaille der DDR verliehen wurde, kann Einem zu denken geben. Doch nicht jedes schlechtes Gefühl verdient Ausbreitung – aus psychologischer Sicht ist der CDU dringend von weiterer Pathogenese abzuraten, die Versöhnung mit der Realität durch die Technik der „radikalen Akzeptanz“ kann ein Anfang sein. Heilung und Versöhnung beginnt in Menschen, nicht in Stadtbildern – spätestens nach Jahrzehnten, erst recht in Enkelgenerationen, ist es mehr als legitim, sich von Symbolen und alten (Gedanken-)Mustern zu verabschieden.

Stand- und Randerlebnisse Teil 3

Medizinische Notfälle, Drohungen, Heiratsbedingungen, Sachbeschädigung, Goldzahnfüllungen, Urkundenfälschung: Auch abseits von Ministern, Großindustriellen und Stadtverordneten zeigt das laufende Bürgerbegehren allerlei menschliche Höhe- und Tiefpunkte.

Einmal sagte uns eine ältere Dame im Vorbeigehen „Euch sollte man abschiessen.“ und wollte das nicht weiter diskutieren. In einer anderen Szene erzählte eine weitere ältere Dame beim Unterschreiben, dass sie zuvor bei ihrer Zahnärztin Zahngold entfernen ließ. Als die Zahnärztin meinte, sie wolle diesen Goldzahn behalten, um ihn der Garnisonkirchenstiftung für den Wiederaufbau zu spenden, reagierte die Patientin empört, verbat sich dies und nahm ihren Goldzahn wieder mit.

Die Menschen reden gern an unserem Unterschriftenstand, zum Beispiel verbreiten sie auch überregionale Gerüchte. So kam ein Tourist aus dem Raum Stuttgart an den Stand: Er könne ja auch so einiges über Huber erzählen, der sei in seiner Heimat ebenfalls eine Berühmtheit. Jetzt sei er, der Erzähler, in Potsdam, weil seine Frau die Reise unbedingt wollte. Und hier wüte der Huber nun also, aus dem südlichen Raum habe man ihn ja bereits verjagt. Habe der nicht irgendwie auch so einen Vater-Sohn-Komplex ?
Als die verschiedenen Schichten von Standbetreuer*innen sich die obige Begebenheit erzählten, fiel einem ein: Den Huber habe er ja neulich am Mexikoplatz gesehen, so in Mantel und mit einem Dreispitz auf dem Kopf, da hatte der Huber Tomaten gekauft und zur Verkäuferin gesagt: „Das Grüne muss aber ab, das wiegt sonst mit und kostet mehr.“

„Das Unerwünschte muss weg“, finden auch einige FWG-Mitglieder und Sympathisanten. Sie reißen Plakate ab und scheuen auch nicht davor zurück, BI-Mitgliedern beim Flyerstecken blaue Flecken zu verpassen. Weil wir aber überwiegend versöhnliche Menschen sind, sehen wir von Anzeigen wegen Körperverletzung genauso ab wie von juristischem Vorgehen gegen die Urkundenfälschung, die das Durchstreichen, Übermalen oder Stehlen von Unterschriftenlisten de facto darstellt.

Allerdings können sich nicht alle Menschen bedingungslos oder unvoreingenommen die Hände reichen. Manchmal sind Positionen unvereinbar. Diskussionen, deren Ergebnisse vorher bereits festgelegt sind, möchten meist nur Menschen führen, die dafür bezahlt werden.

Verbindungen im Großen wie im Kleinen. Reden und Handeln auf der Straße wie in den gewichtigen Gremien. – Eines Tages erschien ein Mann in förmlicher Kleidung am Unterschriftenstand. Der Standbetreuer staunte: „Oh, haben Sie sich extra schick gemacht um zu unterschreiben?“ – Nein, sagte der Schicke: „Ich gehe gleich zu meiner Hochzeit.“ – Doch habe die Braut erklärt, ihn erst zu heiraten, wenn er unterschrieben habe, daher habe er auch einen Fotografen dabei, der den Akt bezeugt.

Zeuge sein kann Eindruck machen. Das Gewissen wird oftmals auch ohne „Schule des Gewissens“ in einer Kirchenkopie angestoßen. Und manchmal sind auch Atheist*innen weitsichtige Menschen.

Die Hälfte des Weges und nah Zurückliegendes

Ein Moment der Besinnlichkeit: Die Osterfeiertage liegen hinter uns. Wir erhielten bereits die Hälfte der benötigten Unterschriften und sehen traditionellen Festivitäten entgegen, bei denen wir nochmals ordentlich sammeln und uns motivieren können.
Tradition und Moderne: Viel beschworene Begriffe in letzter Zeit. Versöhnung und Nachdenken: Keine Gruppierung ist völlig homogen.
Während wir darüber nachdachten, eine österliche Pressemitteilung herauszugeben, handelten Aufbaufans durch direkten Sprachkontakt.

Unsere Mitteilung sollte der Staatsministerin für Kultur und Medien ein Versöhnungsangebot machen. 6,1 Millionen der für die Garnisonkirche vorgemerkten 12 Millionen Bundes-Denkmalmittel sollten demnach für die Sanierung der Friedenskirche am Park Sanssouci verwendet werden. Wir hätten gebeten, die weiteren 5,9 Millionen zurück in den Bundeshaushalt für die Erhaltung anderer bestehender Denkmäler zu geben. Und dann (rhetorisch) die Weisheit und Weitsicht des Ministeriums bei allen sich bietenden Gelgenheiten gepriesen. Wir wollten sogar öffentlich bekannt geben, dass wir finden, dass „christliche Gotteshäuser zur europäischen Geschichte gehören“ und den „jüngeren und künftigen Generationen als authentische Orte zum Verständnis kunst-, musik- und religionsgeschichtlicher Kausalitäten zur Verfügung stehen“ sollten.

Aber dann konnten wir uns in der Kürze der Zeit nicht einigen, ob eine solche Mitteilung den von uns gewünschten Zweck hätte und sich alle Mitstreiter*innen darin wiederfinden könnten. Solche Probleme jedoch hat die FWG mit ihren Mitgliedern und Sympathisant*innen dem Anschein nach weniger, da ihr Vorstand über durchsetzungskräftige Führungsqualitäten verfügt. Und so trug sich die folgende Szene jüngst zu:

„Nun hören Sie mal zu, junger Mann ! Was Sie hier betreiben, das ist Kulturbarberei ! Potsdam braucht diese Kirche und das lassen wir uns nicht von so Grünschnäbeln wie Ihnen vermiesen.“ Der Standbetreuer versucht den aufgebrachten älteren Herren zu besänftigen, denn er will sich nicht auf Diskussionen einlassen: „Sie können ja Ihre Meinung haben, aber machen Sie doch wenigstens den Platz frei für Leute, die unterschreiben wollen.“ Nun mischt sich der Begleiter des Aufgebrachten ein: „Gar nichts machen wir. Der Herr Franck hat uns gesagt, Sie bräuchten mal ein paar Leviten gelesen. Und das machen wir gerne !“ Die Unterschriftensammler gucken ungläubig. „Genau, einen sehr guten Aufruf hat er gemacht, unser Vorsitzender, so einen Rundbrief mit Argumenten, da können Sie sich schon mal auf Gegenwind einstellen ! Jawoll, wir waren nicht das letzte Mal hier !“

Ein Eindruck vom Symposium

Hier ein paar Streiflichter von einer Teilnehmerin des kürzlich stattgefundenen Symposiums. Presseschau und weitere Eindrücke folgen eventuell in den nächsten Tagen.


Ein Freitagnachmittag, von der Stiftung Garnisonkirche gemietet

Die Marke „Europäische Stadt“ sei im Kommen, sagt Hathumar Drost, der Kommunalberater. Das kulturelle Gedächtnis Europas beeindrucke weltweit und Prinzessinnenträume flössen neben Herr der Ringe-Phantasien in ein unreflektiertes Schönfinden Vieler.
Menschen, die es aushalten, wenn es nicht so geleckt aussieht, seien hierzulande in der Minderheit. So glaubten jedenfalls die Schönfinder. Identität entstehe in den Köpfen und dort seien markierte Orte in der Umwelt zentrale Bausteine. Erbitterte Debatten über Brüche entstünden, weil Heimatgefühle bänden, die erst durch die Wiederfindung jeder Person selbst in Bildern aufgekommen seien.
Die Stadtgesellschaft, das seien autonome Entscheidungen der Bürger, das stünde im Gegensatz zur NS-Verwaltung und zur zentralistischen DDR. Wer „urbane Erlebnisräume gestalten“ will, suche meist nach einer Melange aus Prinzessinnenträumen und der Manufactum-Idee.
Umfassende Einwohnerpartizipation auf der Basis harter Fakten sei unabdingbar, findet Drost. Undemokratisch sei, wenn solvente Bürger Spenden nutzen, um ihre Vorstellungen der Stadtgestaltung durchzusetzen. Die lebendige Stadtgesellschaft könne nur entstehen, wenn auch den finanziell schlechter gestellten Einwohnerinnen Möglichkeiten der Gestaltung eingeräumt werden.

Ich traf mich einmal mit Neumann, antwortet Altbischof Huber, die Bundesregierung habe die 12 Millionen eigenständig, aber nach Anstoß durch „zivilgesellschaftliche Initiativen“, beschlossen. Die Aufbaubefürworter wollten auch keinen Krieg und man solle bitte auch der Bundeswehr nicht unterstellen, dass sie das wollten, das seien einfach nur „Staatsbürger in Uniform“. Dass junge Leute in der provisorischen Kapelle weilten, sei eine Interessensbekundung, so gesehen etwa bei der Bücherverbrennungsreihe.
So viele Stolpersteine können Sie vor Ihrer Kirche gar nicht verlegen, wie nötig wären, um den Ort zu besänftigen, entrüstet sich ein 83-jähriger, der in Ostpreußen geboren wurde.
Potsdam ist nunmal eine Militärstadt, sagt Hathumar Drost, davon könne man sich nicht lösen. Es stelle sich aber die Frage des gesamtstädtischen Umgangs damit. Die Konversion sei eine Chance, die zivile Nutzung von Militärgebäuden. Die Stadt sei immer auch gebaute Geschichte.

Die BI könne auch mal einen Antrag auf Zuwendungen von der Landeszentrale stellen, erklärt Martina Weyrauch, diesmal aber sei die Stiftung Garnisonkirche auf ihre Institution zugegangen. Die Millionen von Neumann seien eine Absichtserklärung und wenn dann was nicht korrekt zugehen wird, könne man den Bundesrechnungshof einschalten.
Für den ersten Bauabschnitt benötigen wir 2,5 Millionen Spenderziegel, führt der Architekt Albrecht aus. Für eine Leerstelle ist es mir dort nicht leer genug, findet Dorgerloh. Der Geburtsfehler TPG habe noch immer Auswirkungen auf das Bauprojekt. Die äußere Form der neuen Garnisonkirche eigne sich nicht für eine differenzierte Auseinandersetzung mit den Interpretationen Preußens. Es macht keinen Sinn, einen Ort als Versöhnungsort zu nutzen, der immer Streitort bleiben wird, sagt Schorlemmer.

Annegret Pannier

Jenseits von Potsdam: Der Deutschlandfunk berichtet am 20.3. über Kritik und BI gegen Garnisonkirche

In ganz Deutschland macht man sich Gedanken über die Schatten, die ein Nachbau der Garnisonkirche mit sich brächte. Längst wird neben Spenden und der Stadtkasse auch mit der Bundeskasse zur Finanzierung des Baues gerechnet. Längst hat man auch in Kiel und Freiburg begriffen, mit welch unnachgiebigem 100% Historismus in Potsdam das Symbol von Machtpolitik und Militarismus wieder errichtet werden soll UND mit welch spitzen Fingern dabei Mahnung und Versöhnung angefasst werden.

„Der Streit um den Wiederaufbau der Garnisonkirche in Potsdam“, so der Titel des Features, dass der Deutschlandfunk am 20. März 2012 um 19:15 Uhr ausstrahlt, betrifft das ganze Bundesgebiet. Der Autor Anselm Weidner widmete sich als Aussenstehender unserer städtischen Debatte und gibt dabei Befürwortern und Kritikern Raum. (Info) Entlarvend zeigen sich die Äußerungen Herrn Hubers und Herrn Leinemanns zu Finanzierung und Funktion des geplanten Nachbaus.

Wer also gut gemachtes Radio zum Für und Wider der Garnisonkirche hören möchte:

DIENSTAG 20. März 2012

19:15 Uhr

DEUTSCHLANDFUNK

97.7 UKW

Livestream

„Erst fragen, dann bauen.“ – Dialog 3: Versöhnung

FRAGE BI:
Wer soll sich mit wem versöhnen?
ANTWORT Martin Vogel:
Wie wäre es, wenn wir beginnen und gemeinsam über die Zukunft unseres Gemeinwesens streiten und schauen, ob es bei einer unversöhnlichen Gegnerschaft bleiben muss?
NACHFRAGE BI:
Wie, Herr Vogel, wäre es, sich bei dieser für das Nachbauprojekt essentiellen Frage Zeit und Worte für eine umfassende Antwort zu nehmen? – Vor 10 Jahren war die Versöhnung mit den Opfern der Kriege Deutschlands Dreh- und Angelpunkt der Argumentation pro Garnisonkirche. Coventry erkannte dieses Hauptthema des Nachbaus an und verlieh ihm die Würde der Nagelkreuzgemeinde. Weiß Coventry vom Verschwinden des Nagelkreuzes von der Turmspitze? Versöhnung heute ist für Sie der selbstreferentielle Streit um den Nachbau, für Herrn Huber ist es die Versöhnung mit Mensch und Natur. Können oder wollen Sie sich nicht präziser mit der Schuld in der Geschichte einer Militärkirche beschäftigen?


Die gute Absicht – der falsche Ort.

Nach dem erfolgreichen Start der Protestaktion ERST FRAGEN, DANN BAUEN! fiel vor allem eines auf: Die Gemeinschaft der Eröffnungsbesucher der Ausstellung, sicher durchweg Förderer des Nachbauprojektes, trennte sich bereits beim erstmaligen Kontakt mit den offenen Fragen der Potsdamer Bürger in zwei Grüppchen.

Fragen die spalten. (Bildrechte: HH)

Ablage 4Z

Die einen sahen eine bunte, offene, in jeder Hinsicht heterogene Truppe von Fragestellern, fühlten sich gestört in ihrem feierlichen Vorhaben dem Überkommenen, Vergangenen zu alter Wirkungskraft zu verhelfen und schubladierten die Protestierenden pauschal in das Fach 4Z. Zu viel Zeit zum Zanken hätten wir, nicht zu würdígen wüssten wir ewigen Nörgler die Bemühungen der Fassadenwiederhersteller. Ende der Auseinandersetzung.

Die angenehme Überraschung

Jedoch das zweite Grupetto unter den Neubaubefürwortern sah eine bunte, offene, in jeder Hinsicht heterogene Truppe von Fragestellern und interessierte sich für die Gründe, die wohl gegen das Projekt sprechen sollten. Es blieben Menschen vor unseren Fragen stehen, lasen, dachten und diskutierten. Es schienen Unterstützer zu sein, die ihren Willen zur Wiederauferstehung der Garnisonkirche nicht mit der Schönheit der Höhendominante und der Glorie des Militärschmuckes begründen, sondern mit dem Ruf nach Versöhnung und Gedenken.

Wir fragen uns: Wird Gruppe B von Gruppe A hinters Licht geführt? Wieviel Versöhnung und Gedenken werden in der Garnisonkirche 2017 stecken?

So hoch der Turm der Kirche auch sein wird: Der Versöhnungsgedanke kommt außer Sichtweite.

Hinweis A

2002 sagte der Vorsitzende der Deutsch-Englischen Gemeinschaft Hermann Freiherr von Richthofen zu dem Vorhaben der Evangelischen Kirche, das Nagelkreuz von Coventry an Stelle des Preußenadlers auf der Spitze des Garnisonkirchturms zu montieren: „Dies wäre ein sichtbarer Ausdruck für Versöhnung und Verständigung, würde der europäischen Geschichte Potsdams sinnvoll Rechnung tragen“.  (Quelle) 2011 erklärte Johann-Peter Bauer, Kapitän z.S. a.D. und Ministerialdirigent a.D dieses Versöhnungszeichen für ad acta gelegt. Die Turmspitze werde originalgetreu nachgebaut. „Das Nagelkreuz wird vor der Kirche stehen“. (Quelle)  Preußenadler und Insignien werden über Potsdam glänzen und doch ist es nicht dieser doppeldeutige Akt, der deutlich vom falschen Weg der Garnisonkirche erzählt. Es ist die Tatsache, dass die Versöhnung nicht an erster Stelle des Neubaus steht, dass Hülle vor Inhalt kommt, dass Kunst vor Kultur kommt und Geschichte vor Gegenwart.

Hinweis B

Seit der vergangenen Woche liegt die Detailplanung der Neubauwilligen für die Garnisonkirche vor. Beeindruckend ist jedes Detail erfasst, jeder Meter nun faktensicher errechnet. Jede Türklinke gezählt und kalkuliert. – Doch wo ist die ausformulierte, zugesicherte, kalkulierte Planung für das ehemalige Versöhnungszentrum der Garnisonkirche, welches bereits zu einem Ort der Versöhnung herabgestuft wurde? Wie kann der inhaltliche Kern des Bauprojektes bisher nur aus Idee und Wort bestehen, wo doch bereits Flammenvasen aus 22m Höhe hergestellt werden? – Liegt es daran, dass dem Garnisonkirchenneubau sein Kern abhanden kommt? Die Versöhnung nie der Kern war?

Es ist sicher nicht so, dass die Sorgen der durch Versöhnung motivierten Bauförderer  zu den Hauptaufgaben der Bürgerinitiative gehören. Doch erscheint seit der Konfrontation mit den offenen Fragen Potsdams das Deckmäntelchen der Versöhnung zu dünn, zu zart, zu kurz für 88 Meter barocke Turmhöhe mit Preußenadler.